Kategorie: Stereovorstufen

Einzeltest: NEM PRA-5


Die aus der Kälte kam

Stereovorstufen NEM PRA-5 im Test, Bild 1
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Das hier ist für Sie. Sie, der sie schon alles kennen, alles gehört  haben und dem Thema HiFi nichts mehr abgewinnen können

Sie wollen einen Tipp von mir? Bitte  sehr. Lassen Sie die Finger davon. Es ist  groß, schwer, teuer, schmeichelt dem europäischen Auge nur sehr bedingt und ist  eigentlich  komplett überflüssig. Wenn Sie  schon unbedingt einen neuen Hochpegelvorverstärker der obersten Güteklasse haben wollen, dann gibt’s da jede Menge toller Sachen bei den einschlägig bekannten  Edelmanufakturen. Kein Grund, sich ausgerechnet mit einem Klotz auseinanderzusetzen, der so aussieht, als wäre er gerade  aus einem abgewrackten U-Boot in Murmansk geschweißbrennert worden und der  zudem stramme 17.000 Euro kosten soll. Okay, das ist ein bisschen übertrieben.  Zumindest das mit dem U-Boot, das mit  dem  Verkaufspreis leider nicht.

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Geografisch aber liegen wir nicht so falsch, denn  der NEM PRA-5 kommt nicht einfach nur  aus Russland, sondern tatsächlich aus Sibirien.  Die „Novosibirsk  Electronic  Manufacturing LTD.“ sitzt tatsächlich östlich des  Urals. Weit, richtig weit weg von hier. Technische Infrastruktur gibt’s in der drittgrößten Stadt Russlands zuhauf, geschuldet  der je nach Sichtweise mehr oder weniger  ruhmreichen militärischen Vergangenheit  des Standortes.  Und  neben  reichlich  infrastrukturellen  Möglichkeiten  gab‘s  auch  ausgezeichnete  Ausbildungen für technisch Interessierte,  zu denen NEM-Eigner Alexey Burtsev auf  alle  Fälle  zählt.  Er  allerdings  war  immer  nur an Musikwiedergabe interessiert und  seine beiden Hochschulabschlüsse standen  nie in anderen Diensten als dem der Musik.  Von dem vor diesem Hintergrund erworbenen Know-how zehrt er seit 1999, in jenem Jahr nämlich fing NEM an, Verstärker  zu bauen. Die Hochpegelvorstufe PRA-5 ist nicht  mein erstes Rodeo mit Produkten dieses  Herstellers, für unser Schwestermagzin  „HiFi einsnull“ habe ich schon einen extrem ungewöhnlichen D/A-Wandler aus  diesem Hause begutachtet, ohne Veröffentlichung geblieben ist die wohl irrsinnigste  Phonovorstufe, derer ich je habhaft werden  durfte. Das über einen Zentner schwere  Großkaliber konnte zwar nur MM-Signale  bedienen, fraß Röhrensätze (selbstverständlich hier kaum zu beschaffende, sehr  spezielle Pentoden alter sowjetischer Fertigung, die fein säuberlich selektiert werden  wollten) mit atemberaubender Geschwindigkeit – das war dann vielleicht doch ein  bisschen zu extrem, um an dieser Stelle  breiteren Raum zugesprochen zu bekommen. Wenn‘s aber lief, dann war‘s wie vom  anderen Stern. Die PRA-5 ist ein ähnlich wahnwitziger  Trumm.  43  Kilogramm  hat  sie  sicherlich  und ist schmucklos bis zur Selbstverleugnung gehalten. Drei Millimeter starke  schwarz  pulverbeschichtete  Gehäusewände und eine zentimeterdicke schwarze  Acrylfront können nur mit Mühe zusammenhalten, was die akustische  Welt des  Alexey Burtsev ausmacht: Eisen. Jede Menge davon. Und – in diesem Falle – Röhren.  Ganz wenige davon. Das, liebe Leser, ist so  weit weg von – sagen wir mal – einer Accuphase-Vorstufe, wie ein Gerät nur sein  kann. NEM baut extrem reduziert, mit minimalem Komfort, die technische Ästhetik  beschränkt sich auf die konsequente Umsetzung eines im Kern ultrasimplen Konzeptes. Dafür müssen Sie mit hier und da  handverdrahteten Prototypenplatinen und  minimalem Bedienkomfort vorliebnehmen. Können Sie? Gut. Dann mag es sich  für Sie lohnen weiterzulesen. Die PRA-5 verstärkt mit genau einem  Röhrensystem pro Kanal. Dabei kommen  ziemlich kräftige Pentoden vom Typ EL12  zum Einsatz, die eigentlich lupenreine  Endstufenröhren sind. Sie arbeiten auf je  einen gewaltigen Schnittbandkernübertrager, der sich auch am  Ausgang einer  500-Watt-Endstufe ausgezeichnet machen  würde. Hier sorgt er in  Verbindung mit  einer Röhre für die ungefähr vierfache  Verstärkung  eines  Hochpegelsignals.  Unfassbar.  Die  Ergebnisse  allerdings  geben  dem Konzept recht. Die PRA-5 ist extrem  breitbandig: Tatsächlich haben wir noch  nie eine trafogekoppelte Röhrenschaltung  erlebt, die auch nur im Entferntesten eine  solche obere Grenzfrequenz zu bieten hat. Das jedoch ist nur der Anfang eines beispiellosen eisernen Reigens, der sich in  diesem Gerät manifestiert. Fünf gleichsam  brachial dimensionierte Induktivitäten teilen sich das Lager mit den Ausgangstrafos:  Ein Heiztrafo, kanalgetrennte  Anodenversorgungen für die beiden Signalröhren  und  zwei  Siebdrosseln,  die  als  kritische  Induktivitäten elementare Bestandteile sogenannter Choke-Netzteile sind. Das geht  so:  Die Ausgangsspannung  des  jeweiligen  Netztrafos wird per Röhre (Telefunken  AZ 1) gleichgerichtet, danach folgt – nein,  eben nicht der übliche Siebkondensator,  sondern direkt eine Drossel. Das ist ein  kitzliges Unterfangen und funktioniert nur  dann, wenn die Dimensionierung der Spule genau auf den Stromverbrauch der Last  abgestimmt ist. Der Vorteil der Anordnung  besteht darin, dass Gleichrichter und Trafo  mit einem sehr gleichmäßigen Stromfluss „belohnt“ werden und die bei einer klassischen Kondensatorsiebung zwangsläufig auftretenden Ladestromimpulse fast  völlig eliminiert werden. Erst nach der  Siebdrossel gibt’s bei Alexey Siebkapazität,  und dann auch gleich reichlich. Womit für  einen fürstlich gedeckten Tisch in Sachen  Stromversorgung der beiden Pentoden gesorgt wäre. Ach ja: Man kann auch die Lautstärke einstellen. Dafür sorgt ein Netzwerk aus Relais und Festwiderständen, das von einem  Mikrocontroller befehligt wird. Das funktioniert ausgezeichnet und ich war sehr  erstaunt, wie praxisgerecht die lediglich 32  Stufen des Pegelstellers sind. Drei Eingänge gibt’s, wenn Sie mehr wollen, müssen  Sie eben doch zu Accuphase greifen. Oder  wenn Sie eingangsseitig auf Symmetrie bestehen. Am Ausgang  dürfen  Sie,  da  gibt’s  nämlich auch hier zusätzlich XLRs zu den  Cinch-Terminals. Bedient wird das Ganze mit einem einzigen Drehknopf an der  Front. Ein  Antippen des mit Tastfunktion versehenen Elementes lässt das Gerät  aus seinem Standby-Schläfchen erwachen  (an der Rückseite gibt’s einen harten Netzschalter), ein längerer Druck darauf lässt  die Maschine wiederum entschlummern.  Drehen mit gedrücktem Taster wählt zwischen den Eingängen, einfach so drehen  macht laut und leise – klar. Es dauert eine knappe halbe Stunde, bis die  russische Extremvorstufe klanglich da ist,  wo sie hingehört – nämlich an der Spitze  dessen, was derzeit machbar ist. Halt, halt,  ganz so weit sind wir noch nicht. Es gilt, die  richtige Röhre für Ihren Hörgeschmack zu  finden. Erst einmal gibt es eine ganze Reihe unterschiedlicher Bauformen der EL 12,  außerdem gibt’s neben dem Spezialsockel  für diesen Typ noch eine parallel verdrahtete Oktalfassung, in der man 6L6 nebst  Derivaten stecken kann. Habe ich gemacht,  fand ich schön, danke, aber danke, nein.  Meine Röhre in dieser Vorstufe ist die nach  wie vor gut erhältliche EL 12N von RSD  aus DDR-Produktion. Mit keinem anderen  Kolben geht die PRA-5 so zackig und geradlinig wie mit diesem. Der Deutschlandvertrieb von NEM in  Gestalt des gebürtigen Letten  Andrejs  Staltmanis sagt immer: „Es muss den Ton  machen, sonst taugt‘s nichts.“ Ich kenne  Andrejs nun schon ein paar Jahre und so  langsam habe ich eine Vorstellung davon,  was er damit meint. Und das hier, das trifft den Ton. Genau genommen ist der Ton natürlich weitaus mehr als ein Ton, es ist die  genau abgezirkelte Tonalität. Eine, die sich in einem überaus straffen und energiegeladenen Klangbild bemerkbar macht. Zum Beispiel bei der wirklich schönen Trio-Jazz-Einspielung „drü“ von „rosset meyer geiger“. Die NEM brilliert mit fantastisch  kraftvollen Klavieranschlägen, einer ungeheuer kräftigen und durchzugsstarken Wiedergabe des Kontrabasses, jede Aktion des Schlagzeuges klingt wie eine kleine Explosion. Sehr authentisch, sehr nahe am Live-Erlebnis. Pures Adrenalin gibt’s auch bei  Charles Bradley: Herrlich knarzendes  Bassspiel, überaus kerniges Schlagzeug,  die Gesangsstimme tönt auf den Punkt  „richtig“ im klassischen Siebziger-Sound.  Der spezielle Ton der NEM besteht darin,  dass sie scheinbar jeden Ton aus der Mottenkiste holt, ein bisschen aufpoliert und  mit ungeheurem Nachdruck in Richtung  Endverstärker  anschiebt.  Dynamisch  absolut enthemmt, unangestrengt und  breitbandig zeichnet sie tiefe Räume,  schafft eine wunderbare Höhenillusion  und zielt so dermaßen direkt auf die musikempfindenden Synapsen, wie ein technisches Gerät das überhaupt kann.

Fazit

Zwei Endröhren und Mengen von Eisen  blasen frischen Wind ins Vorverstärker-Genre:  Dieser sibirische Klotz spielt so  enthemmt, frei und offen, das der  Konsum jeder Art von Musik zum  Rausch wird. Großartig!

Kategorie: Stereovorstufen

Produkt: NEM PRA-5

Preis: um 16900 Euro


11/2016
Ausstattung & technische Daten 
Preis: 16.900 Euro 
Vertrieb: Ultraudio, Münster 
Telefon: 0251 211016 
Internet: www.ultraudio.de 
Garantie: 2 Jahre 
Abmessungen (B x H x T in mm) 460/200/430 
Gewicht (in Kg) 43 
Unterm Strich... Zwei Endröhren und Mengen von Eisen blasen frischen Wind ins Vorverstärker-Genre: Dieser sibirische Klotz spielt so enthemmt, frei und offen, das der Konsum jeder Art von Musik zum Rausch wird. Großartig! 
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Holger Barske
Autor Holger Barske
Kontakt E-Mail
Datum 08.11.2016, 10:03 Uhr
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