Kategorie: Tonabnehmer

Einzeltest: Ikeda 9TS


Die grüne Hoffnung

Tonabnehmer Ikeda 9TS im Test, Bild 1
19938

Japanische Tonabnehmer sind ja immer etwas Besonderes. In erster Line dann, wenn sie von alten Männern in Handarbeit in einer Hütte in einer entlegenen Bergregion ohne Strom und Wasser in Askese und Demut geboren werden

Das muss jedoch nicht in jedem Fall so sein. Es gibt durchaus noch so etwas wie industriell gefertigte Tonabnehmer aus Japan – ich erinnere nur an die bestens beleumdeten Konstruktionen von Audio Technica und Denon. Jenseits dessen jedoch nähert sich die Tonabnehmerfertigung im Land der aufgehenden Sonne jedoch in zunehmendem Maße dem, was ich bewusst überspitzt formuliert im Vorspann schrieb. Hier und da jedoch gibt es Maßvolles zwischen den Extremen, und Ikeda ist das beste Beispiel dafür. Isamu Ikeda wurde 1929 geboren und ist demnach heute rund 91. Man könnte spotten, dass er damit die Ausbildung zum Tonabnehmermacher gerade abgeschlossen haben und sich im besten Gesellenalter befinden sollte.

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Der Mann hat im Jahre 1964 Fidelity Research gegründet, um endlich die Audioprodukte bauen zu können, die er für würdig hielt. Wie viele Unternehmer in diesem Metier war er mit dem Erhältlichen einfach nicht zufrieden. Irgendwas muss er dabei wohl richtig gemacht haben, weil unter seiner Ägide Produkte entstanden sind, die bis heute einen Ruf wie Donnerhall haben und auf dem Gebrauchtmarkt, so sie denn überhaupt einmal auftauchen, abstruse Preise erzielen. Die prominentesten Beispiele dafür dürften die Tonarme der Baureihen FR-64 und FR-66 sein, für viele Experten bis heute die einzigen legitimen „Aufbewahrungsorte“ für hart eingespannte Tonabnehmer Ă  la Ortofon SPU. Auch in Sachen MC-Tonabnehmer hat der Mann fleißig an seiner eigenen Legende gefeilt: So ist er einer der Pioniere der Idee, in Abtastern extrem starke Magnete einzusetzen, um Spulen mit möglichst wenigen Drahtwindungen und damit minimalem Gewicht verwenden zu können. Ein Umstand, der bis heute bei vielen exotischen japanischen Abtastern dazu führt, dass ihre Ausgangsspannungen im Bereich von lediglich 100 Mikrovolt liegen, teils sogar darunter. Ikedas Fidelity Research-Abtaster jedoch waren Legende – bis die CD kam. 1985 musste das renommierte Unternehmen schließen. Was den Mann nicht daran hinderte, unmittelbar danach ein neues Unternehmen unter seinem eigenen Namen zu gründen und sich weiterhin voller Elan auf Tonarme und MC-Tonabnehmer zu stürzen, nur halt auf deutlich kleinerer Flamme als früher. 2011 gab Ikeda-San die Firmenleitung aus Altersgründen auf, Tonarme und Tonabnehmer nach seinen Ideen gibt’s jedoch bis heute und erfreuen sich steter Beliebtheit. Unser heutiger Proband ist von daher etwas Besonderes, als dass der MC-Abtaster ein „richtiger“ japanischer Tonabnehmer mit allen dazugehörigen Zutaten zu einen verhältnismäßig zivilen Preis darstellt: Das Modell 9TS gibt’s für 2.590 Euro. Klar, für ein Verschleißteil lässt das immer noch schlucken, aber das Ding ist gut. Verflucht gut. Sogar viel besser, als ich erwartet hatte. Und in Anbetracht des Preises der Preziosen, denen ich solche Attribute sonst ans Revers hefte, ist das Ikeda 9TS fast schon wieder günstig. Was genau im Inneren des wirklich hübschen halbrunden Aluminiumgehäuses vor sich geht, kann ich Ihnen nicht genau sagen. Japanische Tonabnehmerhersteller sind diesbezüglich in den seltensten Fällen besonders auskunftsfreudig. Man kann das 9TS jedoch in Relation zu den anderen Modellen der 9er-Baureihe setzen und daraus ein paar Schlüsse ziehen. Mit einer nominellen Ausgangsspannung von 0,35 Millivolt bewegt es sich im Bereich dessen, was jede „normale“ MC-Vorstufe ohne Probleme verarbeiten kann. Die Spulenimpedanz beträgt sechs Ohm, was absolut betrachtet erfreulich niederohmig, aber immer noch mehr als das Doppelte als die 2,5 Ohm des größeren Modells 9TT ist. Bei jenem muss man sich allerdings auch mit 0,16 Millivolt begnügen, was schon nicht mehr so ganz einfach zu bedienen ist. Die Vermutung, dass man dem 9TS einfach etwas mehr Draht spendiert hat, um entsprechend mehr Ausgangsspannung zu bekommen ist naheliegend – jener wird dann wohl etwas dünner sein, daher der unproportional höhere Innenwiderstand. Das allerdings ist reine Spekulation. Fest steht hingegen, dass das 9TS über einen doppelwandigen Aluminiumnadelträger verfügt, an dessen Ende ein Diamant mit ovalem Profil sitzt. Oval ist ungewöhnlich und stellt so etwas wie ein Kompromiss aus althergebrachtem konischem Profi l und neumodischem Zeug wie einem elliptischen Querschnitt dar. Die Nadel ist keine dieser modernen Superwinzdiamanten und sieht in Verbindung mit dem robust wirkenden geknickten Aluminiumnadelträger wie solides, althergebrachtes MCDesign aus. Also ein bisschen nach Abräumer und weniger nach Diva – das muss beileibe nichts Schlechtes sein. Die gute Nachricht lautet: Das Ding ist gerade. Sprich: Der Nadelträger zeigt exakt in die Richtung, in die er soll, was sich anhand der Kanten der Öffnung im grünen Korpus ziemlich gut ermitteln lässt. Auch kann ich keinerlei Schiefstellung des Diamanten feststellen. Die spätere Kontrolle mit Ansgar Sperlings feinem Pegeldifferenzmessgerät aus dem letzten Heft bestätigte diesen Eindruck, so dass die Azimutjustageschrauben beim Reed 1X genau so wie beim Clearaudio Unify festgezurrt bleiben durften. Beide Arme sollten in Sachen Gewichtsklasse halbwegs passen. Mit einer Compliance von 7 μm/mN ist das 9TS zwar noch auf der härteren Seite angesiedelt, das System harmoniert mit beiden Tonarmen aber prächtig und leistet sowohl bei symmetrischem Anschluss an die fantastische Accuphase C-47 als auch an der Clearaudio Absolute Phono Inside Erstaunliches. Eigentlich erwarte ich von typisch japanischen Tonabnehmern – ein solcher zu sein, hat der Hersteller dem 9TS ja bewusst mit ins Pflichtenheft geschrieben – eine sehr farbige, zarte und distinguierte Gangart. Letzteres hat man wohl vergessen, dem grünen Klotz in aller Deutlichkeit mitzuteilen, denn es legt der maßen los, dass ich erst einmal leiser gedreht habe. So geschehen mit Klaus Doldingers jüngstem Album „Motherhood“, bei dem der Chef samt Passport-Crew dem geneigten Jazz-Publikum noch mal so richtig zeigt, wo’s lang geht. Das 9TS hat erst einmal eins – nämlich „Bumms“. Ich kann’s nicht anders nennen. „Drive“ und „Druck“ treffen’s nicht ganz. Das hier, das steckt die Energie an eine ganz bestimmte Stelle, und die wir ohne Zweifel über die Magengrube stimuliert. Es ist das was einer Bassdrum Autorität und Größe verleiht. Sehr großartig. Ganz oben zeichnet das 9TS energisch und farbig. Klavieranschläge haben Substanz, die Dynamik jedes Anschlages ist bestens differenzierbar. In Sachen Auflösung geht andernorts noch etwas mehr, aber dieser Anflug von Gnade, gepaart mit einer umwerfenden Energieleistung auch in den Höhen, das macht das 9TS herausragend gut. Im Bass kann ihm das DS Audio DSE1 durchaus das Wasser reichen, bei dieser gleichzeitig geschmeidigen und gleichzeitig kräftigen Hochtondiktion allerdings nicht. Causa Sui aus Dänemark machen dort weiter, wo Herr Doldinger aufgehört hat, allerdings mit klassischem Rockinstrumentarium. Wuchtig, fett – da ist er wieder, dieser mitten ins Spaßzentrum zielende Tieftonwumms. Natürlich ist das zwischen psychedelischen und Stoner- Passagen mäandernde Album kein audiophiles Highlight, es zeigt aber eindrucksvoll die Geschlossenheit des „kleinen“ Ikedas. Es präsentiert Musik ganzheitlich, jegliche Neigung zum „Sägen“ ist ihm fremd, es zeichnet schön tiefe Räume. Dabei hat es einen inbrünstigen, schon fast „röhrigen“ Charakter, den ich sehr spannend finde und sehr selten bei einem MC-Abtaster feststelle. Sechs Ohm und 0,35 Millivolt? Das schreit doch eigentlich doch eigentlich nach Betrieb mit einem guten 1:10-Übertrager und einer Röhren-Phono? Aber ja! 

Fazit

Was für ein Tonabnehmer! Keine Spur von japanischer Zurückhaltung, dafür ein farbenprächtiges Feuerwerk mit Wucht und Würde. Zudem spielt es dank unkritischer Anschlusswerte an einer Vielzahl von Phonolösungen und hat sich einen festen Platz unter meinen Lieblingsabtastern erobert.

Preis: um 2590 Euro

Tonabnehmer

Ikeda 9TS


10/2020 - Holger Barske

Ausstattung & technische Daten 
Vertrieb Ibex Audio, Heidenheim 
Telefon 07321 25490 
Internet ibex-audio.de 
Garantie (in Jahre) 2 Jahre 
Nadelnachgiebigkeit 7 μm/mN 
Gewicht (in g) ca. 10 g 
Unterm Strich... » Was fĂŒr ein Tonabnehmer! Keine Spur von japanischer ZurĂŒckhaltung, dafĂŒr ein farbenprĂ€chtiges Feuerwerk mit Wucht und WĂŒrde. Zudem spielt es dank unkritischer Anschlusswerte an einer Vielzahl von Phonolösungen und hat sich einen festen Platz unter meinen Lieblingsabtastern erobert. 
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Holger Barske
Autor Holger Barske
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Datum 04.10.2020, 10:03 Uhr
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