Kategorie: Phono Vorstufen

Einzeltest: RCM Big Phono


Phonovorverstärkung am Limit

Phono Vorstufen RCM Big Phono im Test, Bild 1
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Bislang hat sich der polnische Hersteller RCM Audio durch hochwertige Geräte mit einer gewissen Bodenhaftung ausgezeichnet. Die Typenbezeichnung der neuen Phonovorstufe lässt zurecht eine etwas andere Gangart erwarten

Sie heißt schlicht und ergreifend „Big Phono“. Das ist zwar nicht besonders originell, trifft den Nagel aber mit selten erlebter Genauigkeit auf den Kopf. Wir haben es hier nämlich mit einer in zwei tresorartigen Aluminiumtrutzburgen untergebrachten Kompromisslos-Phonovorstufe zu tun, deren Preis sie gar nicht so genau wissen wollen. Ein erstaunlicher Kontrast zu den beiden anderen, ebenfalls für Tonabnehmersignale zuständigen Geräte aus dem RCM-Programm, von denen sich eines auch bei uns schon sehr angenehm in Szene setzen konnte.

RCM Audio ist eine Unternehmung des polnischen HiFi-Tausendsassas Roger Adamek. Im richtigen Leben bedient er von Katowice aus den polnischen Markt als Vertrieb einer ganzen Reihe von hochwertigen Audioprodukten, und das ziemlich erfolgreich.

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Das schafft Freiräume für eine Unternehmung wie RCM, über die Adamek seine eigenen Vorstellungen von hochwertigem HiFi realisiert.

Eines seiner Vertriebsprodukte sind die dänischen Luxusgeräte von Vitus Audio. Stammleser dieses Magazins werden sich erinnern, die ziemlich extremen Konstruktionen von Hans Ole Vitus waren bei uns auch schon öfter zu Gast. Eines der echten Phonovorstufen-Schwergewichte dieses Herstellers hat es Roger Adamek angetan und die „Big Phono“ ist dem Vernehmen nach sein Versuch, etwas zumindest halbwegs Adäquates auf die Beine zu stellen. Die Ähnlichkeiten zwischen beiden Geräten beschränken sich dabei allerdings ausschließlich auf die Zielgruppe, konstruktiv ging RCM dabei völlig andere Wege als die Dänen.

Die Beschäftigung mit dem Zweiteiler muss notgedrungen mit seinem Outfit beginnen, denn das ist wirklich spektakulär. Die beiden schweren, fast so tief wie breit bauenden Quader sind in einem so matten Schwarz gehalten, dass sie darauf fallendes Licht fast vollständig schlucken. Es gibt auch kaum etwas, woran sich das Auge „festhalten“ könnte: Das Display des Verstärkerteils ist hinter einer ebenfalls mattschwarzen Scheibe verborgen, die vier Taster heben sich ebenfalls so gut wie nicht ab. Sichtbare Schrauben gibt‘s nur auf der Rückseite und unten, sonst herrscht kompromisslose Selbstverleugnung. Letztlich gehören die Metalloberflächen zu massiven Aluminiumblöcken, in denen ein CNC-Automat die erforderlichen Freiräume geschaffen und in zwei satt ineinander passende Gehäusehalbschalen verwandelt hat. Eine in dieser Konsequenz ziemlich einzigartige Gehäusekonstruktion gibt’s nicht an jeder Ecke und Roger Adamek hat mit ihrer Erstellung einen der fähigsten Köpfe beauftragt, den die Branche für solche Jobs zu bieten hat: den Bulgaren Ruman Artaski, seines Zeichens Gründer und Lenker von Thrax Audio. Kaum jemand in der HiFi-Branche verfügt über so exquisite Möglich- und Fähigkeiten zur Metallbearbeitung, wie man den Thrax-Produkten auch ansieht. An dieser Stelle steckt defi nitiv ein nennenswerter Teil des Budgets für den Big Phono. Auf der Rückseite des Verstärkerabteils gibt’s drei Buchsen zur Verbindung mit dem Netzteil, die verschiedenpoligen Steckverbinder sind verpolungssicher. Für den Signalanschluss finden sich zwei Paar Cinch-Eingänge, ausgangsseitig eine Cinch- und eine XLR-Option. Die Cinchverbinder sind blank polierte rhodinierte Exemplare vom Spezialisten Furutech. Hinzu gesellt sich eine Polklemme als Erdungsanschluss und ein Ground-Lift-Kippschalter.

Beim in gleichen Format gehaltenen Stromversorgungsteil verhalten sich die Dinge noch schlichter. Auf der Front gibt’s rein gar nichts Spannendes, auf der Rückseite lediglich die drei Buchsen für den Anschluss des Verstärkerteils und eine Netzeingangsbuchse. Den Netzschalter dort wird man vermutlich bei der Erstinbetriebnahme des Gerätes einmal betätigen und dann nie wieder.

Um die Sache mit den Anschlüssen rund zu machen: Die Kabel für die Verbindung von Netz- und Verstärkerteil sind zwei Meter lang, das ist sicherlich ausreichend.

Nach dem Lösen von vier soliden Bolzen an der Geräteunterseite und ein paar kleineren an der Rückseite gewährt das Aluminiumgebirge einen Blick ins Allerheiligste. Und der Hersteller hat auch hier nicht gekleckert, sondern reichlich geklotzt. Die großformatige mehrlagige Hauptplatine beherbergt einen komplexen Aufbau, der von integrierten Operationsverstärkern und Unmengen von Relais dominiert wird. Letztere braucht es, weil man beim Big Phono Verstärkung und Tonabehmerabschluss komfortabel von Sessel aus verändern kann. Dafür gehören eine Menge Komponenten geschaltet, daher die vielen „weißen Klötzchen“. Die Big Phono verfügt über ein fi xes Rumpelfilter und eine vierte Zeit konstante in der Entzerrung. Letzteres kennt man auch als „Neumann-Zeitkonstante“. Das ist ein moderater Anstieg des Frequenzgangs in den Höhen, der den schneidstichelbedingten Abfall des Frequenzgangs beim Plattenschnitt kompensieren soll. Eine Zeitlang haben wir das öfter gesehen, in den letzten Jahren ist diese Option wieder etwas aus der Mode gekommen. Überschlägig zähle ich sage und schreibe 19 Opera tionsverstärker für jeden Kanal der Big Phono. Trotz der recht komplexen Topologie des Gerätes ist das immer noch eine fast unanständige Menge Siliziums. Der Trick besteht darin, dass sich die Verstärkung bei diesem Gerät auf insgesamt fünf Stufen verteilt. Roger Adamek sagte mir, dass es sich als klanglich und messtechnisch vorteilhaft herausgestellt hat, wenn man die einzelnen Stufen mit geringer Verstärkung betreibt, aber dafür mehrere Einheiten hintereinander schaltet. Die Entzerrung gemäß der RIAA-Kurve erfolgt passiv, wobei jeder „Filterpol“ mit einer eigenen Verstärkerstufe von seinen Nachbarn isoliert ist. Das ist in dieser Konsequenz in der Tat ungewöhnlich.

Die Topologie der Schaltung ist weitgehend unsymmetrisch, allerdings steht an den XLR-Ausgängen ein echt symmetrisches Signal zum Anschluss parat.

Der Blick in die Stromversorgung erinnert eher an einen Class-A-Verstärker als an das Netzteil einer Phonovorstufe. Das liegt zum Eine an den zwei großen Blechpakettrafos, die kanalgetrennt die Versorgungsspannungen bereitstellen. Umspanner Nummer drei ist von weniger ausladender Art und fürs Versorgen der Steuerlogik zuständig. Auf massiven Kupferschienen tummeln sich 20 – nein, nicht Endtransistoren, sondern integrierte Spannungsregler, die sämtliche Verstärkerstufen im anderen Abteil mit separat stabilisierter Gleichstromherrlichkeit beglücken, daher auch die drei vielpoligen Verbindungskabel zwischen beiden Geräten.

Zugegebenermaßen ist das eine Menge Technik, die RCM hier auffährt. Bei einem avisierten Verkaufspreis von 35000 Euro ist das aber auch das Minimum dessen, was ich erwarte.

Bei Inbetriebnahme des Gerätes erwacht das angenehm unaufgeregte gelbe Display zum Leben. Der Big Phono liegt eine Apple Remote als Fernbedienung bei, mit der man an alle Funktionen des Gerätes kommt. Die Verstärkung wird als nominelle Tonabnehmerausgangsspannung angezeigt, das kann man so machen. Es stehen sieben Werte zwischen 5 und 0,3 Millivolt zur Auswahl bereit, wobei sich 5 und 2,5 Millivolt an die Betreiber von MM- und High- Output-MC-Tonabnehmern richten. Ähnliches gilt für die Eingangsimpedanzen. Hier kann man acht Werte zwischen 20 Ohm und 47 Kiloohm anwählen. Abermals wird nicht expressis verbis zwischen MMund MC-Betrieb unterscheiden.ie RCM hier auffährt. Bei einem avisierten Verkaufspreis von 35000 Euro ist das aber auch das Minimum dessen, was ich erwarte.

Dem feierlichen Anlass angemessen, habe ich die Big Phono mit dem umwerfenden Lyra Etna verbunden, dass sich seit einiger Zeit unter einem Clearaudio-Tagentialtonarm pudelwohl fühlt. Das Auffinden der passenden Impedanz geht von Sessel aus angenehm einfach: Bei 400 Ohm rastet der Sound ein, und wie: Das Etna macht seinem explosiven Charakter an der RCM alle Ehre. Ich habe Jacky Liebezeit selten so eisenhart trommeln gehört wie auf auf der Can-Großtat „Tago Mago“, die über diese Kombi läuft. Das ganze Album klingt wie pures Adrenalin: Alles ist Dynamik satt, jede Note rockt, alles ist in Bewegung. Das schafft die famose MalValve-Röhre preamp three phono mit dieser Inbrunst nicht. Überschäumende Emotionalität hilft auch dem ersten Mumford & Sons-Album „Sigh Mo More“ mächtig aufs Fahrrad, hier gesellt sich noch ein grollender, druckvoller Bass zum Geschehen. Ich mag den getragenen Anfang der meisten Titel des Albums, die sich gerne bis zu einem wilden Stakkato steigern. RCM und Lyra liefern das Feuer, das es für diesen Auftritt braucht mit Leichtigkeit. Zahlreiche Abtaster und Platten später steht fest: Sie ist zwar sackteuer, die RCM, aber sie ist auch wirklich gut. Sie tönt gnadenlos kraftvoll, durchsichtig und kantig. Sie ist kein Schönspieler und kein atmosphärisches Mimöschen. Sie zeigt, was Sache ist, und das mit selten erlebter Inbrunst.

Fazit

RCMs Luxus-Phono ist genau das Richtige für Hörer mit Spaß an einer betont dynamischen und durchzugsstarken Gangart, mit entsprechenden Tonabnehmern entfacht das Gerät ein gnadenloses klangliches Feuerwerk.

Preis: um 35000 Euro

Phono Vorstufen

RCM Big Phono


11/2021 - Holger Barske

Ausstattung & technische Daten 
Vertrieb Audio Offensive, Falkensee 
Telefon 03322 2131655 
Internet audio-offensive.de 
Garantie (in Jahren) 2 Jahre 
B x H x T (in mm) jeweils 430 x 145 x 410 mm (BxHxT) 
Gewicht ca. 25 / 33 kg 
Unterm Strich... RCMs Luxus-Phono ist genau das Richtige für Hörer mit Spaß an einer betont dynamischen und durchzugsstarken Gangart, mit entsprechenden Tonabnehmern entfacht das Gerät ein gnadenloses klangliches Feuerwerk. 
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Autor Holger Barske
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Datum 14.11.2021, 09:58 Uhr
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