Kategorie: Plattenspieler

Einzeltest: Seismograph Professional


Mensch und Maschine

Plattenspieler Seismograph Professional im Test, Bild 1
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Manchmal, zugegebenermaßen nicht sehr oft, vermag das highendige Metier doch noch mit etwas Überraschendem aufzuwarten. Das hier ist so ein seltener Fall

Ja, es ist ein Plattenspieler. Einer, der auf den ersten Blick nicht besonders geheimnisvoll daherkommt. Und genau das ist die Überraschung: In Anbetracht des konstruktiven Ursprungs des Gerätes ohne Firmennamen mit der Typenbezeichnung „Seismograph“ hätte man sehr Spezielles erwarten dürfen. Hinter dem Seismographen steckt nämlich der österreichische Konstrukteur Othmar Spitaler, der in der HiFi-Welt seinerzeit mit einer weitgehend neuen Produktgruppe auf sich aufmerksam machte: Er hat nämlich mehr oder weniger den „Animator“ im weitesten Sinne erfunden, jene sich weitgehend der klassischen Physik entziehende Technologie, die für Wohlklang sorgen soll. Wie Sie wissen, beschäftigen wir uns in der „LP“ nur sehr selten mit solchen Dingen, Othmar Spitaler mittlerweile auch: Zwar spricht er seinen damaligen Kreationen eine positive klangliche Wirkung nicht ab, hat sich aber schon seit Längerem deutlich greifbareren Produkten zugewandt.

Plattenspieler Seismograph Professional im Test, Bild 2Plattenspieler Seismograph Professional im Test, Bild 3Plattenspieler Seismograph Professional im Test, Bild 4Plattenspieler Seismograph Professional im Test, Bild 5Plattenspieler Seismograph Professional im Test, Bild 6Plattenspieler Seismograph Professional im Test, Bild 7Plattenspieler Seismograph Professional im Test, Bild 8Plattenspieler Seismograph Professional im Test, Bild 9Plattenspieler Seismograph Professional im Test, Bild 10Plattenspieler Seismograph Professional im Test, Bild 11Plattenspieler Seismograph Professional im Test, Bild 12
Das Label „Artkustik“, mit dem er seinerzeit bekannt wurde, existiert noch, man findet dort heutzutage gänzlich esoterikfreie Verstärker und Lautsprecher. Auf dem Seismograph steht zwar nicht Artkustik, irgendwelche Verdächtigungen in Sachen grenzwissenschaftlicher Details sind aber auch hier völlig fehl am Platze: Der Seismograph steht dermaßen fest mit allen drei Beinen auf dem Boden der Physik, dass bei der Erklärung des Funktionsprinzips schon fast Langeweile droht: Viel pragmatischer kann man ein Laufwerk kaum konstruieren. Was auf gar keinen Fall heißt, dass hier keine Idee zu finden ist, im Gegenteil: Qualität lautet das Gebot der Stunde. Sorgfalt bei der Materialwahl, exquisites Finish und der bewusste Verzicht auf eher der Optik denn dem Klang dienliche „Tuning-Maßnahmen“ stehen hier im Vordergrund. Der Seismograph ist eine recht ausladende Konstruktion (63 cm breit, 46 cm tief) und besteht im Wesentlichen aus Aluminium. Dämpfende Elemente sucht man vergebens. Alles an diesem Laufwerk ist auf Steifigkeit und Stabilität getrimmt. Da liegt der Verdacht nahe, dass das Ganze klingelt wie eine Glocke, was sich in der Praxis aber nur als bedingt richtig erweist: Der berüchtigte „Klopftest“ weist die beiden Zargenplatten zwar nicht als akustisch mausetot aus, aber als relativ ruhige Angelegenheit. Othmar Spitaler steht auf dem einfachen Standpunkt, dass die Energie gefälligst schnell von der Abtastzone weg durchs Laufwerk in den Untergrund abgeleitet gehört; dafür hat er den störenden Schwingungsanteilen einen ziemlich fürstlichen Leichtmetall-Highway gebaut. Wenn sich dabei das eine oder andere Jota unterwegs in Wärme verwandelt, dann schadet das nicht – genügend Masse dafür wäre vorhanden. Das Tellerlager und die beiden Tonarmbasen sind fest mit der oberen Chassisplatte verbolzt. Die Funktion der unteren Platte erschließt sich nicht unmittelbar, sie tut nämlich nichts anderes, als die drei als Standfüße dienenden Aluminiumsäulen ein paar Zentimeter über dem Boden nochmals miteinander zu verbinden. Diese Platte hat keinerlei Verbindung zum Lager, dem Motor oder anderen Funktionskomponenten des Laufwerks. Theoretisch würde der Seismograph auch ohne die untere Platte funktionieren. Der Plattenteller ist ein schlichte Scheibe aus rund 35 Millimeter dickem Aluminium. Durch eine großzügig versenkte Bohrung in der Mitte ragt das Tellerlager, sonst finden sich keine weiteren Auffälligkeiten. Es gibt den Teller in goldenem oder schwarzem Eloxal, wir haben uns für die Fotos für die güldene Variante entschieden. Ohne Tellermatte sieht das Ganze zwar ungeheuer stylish aus, klanglich geht das aber in die Hose: Der ungedämmte Teller braucht ein wenig Entkopplung von der Schallplatte, sonst klingt‘s fahrig und nervös. Der Hersteller liefert eine dünne, aber recht steife Filzmatte mit, die den Job anstandslos erledigt, aber nicht zwangsläufig das Mittel der Wahl sein muss. Aus gutem Grund trägt das Laufwerk einen besonderen Namen: Ein Seismograf ist ein hochempfindliches Gerät zur Aufzeichnung von Erschütterungen des Untergrundes zum Beispiel für die Erdbebenforschung. Unser Seismograph hier besitzt definitiv die gleichen Qualitäten und reagiert sehr stark auf periphere Aspekte wie seinen Unterbau oder eben die Tellermatte. Was eingedenk der brettharten Konstruktion erstens nicht verwunderlich und zweitens vom Konstrukteur durchaus beabsichtigt ist. Zur Steifigkeit der Konstruktion gehört auch der konsequente Verzicht auf höhenverstellbare Füße: Jede Form von Gewinde oder ähnlichen Anordnungen würde den Kraftschluss beim Energietransport unterbrechen oder aber zumindest schwächen, was hier unbedingt vermieden werden soll. Othmar Spitaler sagt ganz deutlich: Wenn Ihr Laufwerksunterbau nicht exakt waagerecht ist, dann taugt er sowieso nichts. Und lagert das Problem der Aufstellung damit konsequent an den Betreiber aus. Das Tellerlager ist von klassischer Bauart, sprich: Die Lagerhülse steckt in der Basis, die Achse im Plattenteller. Oder in diesem Falle in einem großformatigen Aluminiumzylinder, der am unteren Ende einen Kragen trägt; hierauf ruht der Teller. Die Achse ist ein hartes Stahlmodell mit recht großem Durchmesser – ich schätze so zwölf Millimeter – und angeschliffener Kalotte. Die Achse steckt in einer dauergeschmierten Hülse aus Lagerbronze. Ich persönlich war geneigt, dort ordentlich Öl einzufüllen, der Konstrukteur winkte jedoch ab: Der in den Flanken der Hülse eingelagerte Schmierstoff soll den Job dauerhaft in Griff haben. Die vertikalen Kräfte nimmt eine sehr kleine Kugel (vermutlich keramischer Natur) auf, die in einer Vertiefung am Boden der Lagerhülse ihr Dasein fristet. Unser Testmuster hat schon reichlich Betriebsstunden hinter sich, die Unterseite der Lagerachse zeigt keinerlei sichtbare Spuren davon. Das Lager ist dem Job offensichtlich problemlos gewachsen. Den Antrieb besorgt eine links vom Teller angeordnete Motordose. Dabei handelt es sich um einen schweren Aluminiumzylinder, dessen Job im Wesentlichen darin besteht – schwer zu sein. Unter einem Blech an der Oberseite kommt ein recht niedliches Synchronmotörchen zum Vorschein, das den schweren Teller jedoch ohne Probleme zügig auf Touren bekommt – und das ohne in der Beschleunigungsphase irgendwelche unerfreulichen Geräusche von sich zu geben, was mich definitiv überrascht hat. Versorgt wird der Antrieb von einem Steckernetzteil klassischer Bauart. Sprich: kein Schaltnetzteil, sondern eines mit konventionellem Transformator. Der Motor braucht die 50-Hertz-Wechselspannung, die ein Schaltnetzteil nicht liefern kann. Das zwischengeschaltete Kästchen mit Schalter und Leuchtdiode dürfte ansonsten im Wesentlichen nichts enthalten – ich hab‘s nicht aufgeschraubt. Bedingt durch die Art der Antriebssteuerung entfällt die Möglichkeit zur Drehzahlfeineinstellung; wer 45 Umdrehungen will, der muss den Antriebsriemen manuell auf die größere Riemenscheibe bugsieren. Die Drehzahlen passen, laut 300-Hertz-Stroboskop zieht der Teller gleichmäßig und korrekt seine Bahnen. Die Position des Motors ist in Grenzen variabel: Sollte die Drehzahl wegen verschleißbedingter Abnahme des Riemendurchmessers mal nicht mehr passen, lässt sich das zumindest ein wenig durch Ändern der Riemenspannung ausgleichen. Der Riemen ist ein transparentes, ziemlich elastisches Silikonmodell. Unser Seismograph ist mit gleich zwei Zwölf-Zoll-Tonarmen ausgestattet: Othmar Spitaler montierte zwei erfreulich bodenständige Jelco-Modelle. Sie residieren auf zwei Alu-Zylindern zur Höhenanpassung, die Anschlusskabel werden durch Öffnungen in beiden Laufwerksbasen geführt. Variabilität bei der Armposition gibt‘s nicht, man muss sich von vornherein für das oder die zu montierenden Tonarmmodelle entscheiden, nachträgliche Änderungen sind kaum möglich, wenn die Öffnungen einmal die Zargen gefräst sind. In der Praxis macht der Seismograph seinem Namen alle Ehre, einen geeigneten Aufstellungsort zu finden, war gar nicht so einfach. Eine leichte großformatige Platte schied deshalb aus, weil die die Antriebsgeräusche des Gerätes wie ein Stethoskop verstärkt. Generell ist eine stabile und gut dämpfende Unterlage zu bevorzugen. Ich bin letztlich bei einer zehn Zentimeter dicken Steinplatte gelandet, die wir für ganz spezielle Fälle in der Ecke stehen haben. Die ersten klanglichen Eindrücke habe ich ausnahmsweise monofon gesammelt – unter dem Headshell des einen Jelco war freundlicherweise ein Audio-Technica AT33 Mono montiert und Nina Simones berühmtes Town-Hall-Konzert stand gerade griffbereit. „Black is The Color of My True Love‘s Hair“ eröffnet das Spektakel denn auch gleich mit einem Paukenschlag: Es tönt sonor, überaus kräftig, farbig, bewahrt aber die Zerbrechlichkeit der Stimme ausgezeichnet. Bei „Exactly Like You“ legt Nina Simone schon ganz anders los und präsentiert sich energiegeladen und lebendig. Großartiges Album, immer wieder – hier ganz besonders. Ich bade noch gänsehäutig in „The Other Woman“, dann beschäftigen wir uns mit modernerer Kost und entsprechenden Abtastern: Das Lyra Atlas läuft erfahrungsgemäß bestens unter etwas schwereren Zwölfzöllern, also rein damit. Wir hören die großartige Analogue-Productions-Ausgabe des 1993er-Counting-Crows-Albums „August and Everything After“; mit „Raining in Baltimore“ darf Mastermind Adam Duritz auch gleich maximal schwermütig ran. Der Seismograph macht das umwerfend: Duritz‘ Stimme trieft vor griffiger Inbrunst, ist perfekt verständlich, das begleitende Klavier ist voluminös, warm, bestens freigestellt und wunderbar präzise. So kenne ich das Atlas, die Signatur des Laufwerks ist dabei gar nicht so leicht auszumachen. Tonal hat es kaum Charakter, auffällig ist seine dynamische Transparenz. Bestes Differenzierungsvermögen in tiefen Lagen ist auf alle Fälle vorhanden, ein weit aufgefächertes Klangbild auch. Wer noch ein bisschen am Ergebnis drehen möchte, dem sind Experimente mit Tellermatten anzuraten: Ich finde die Kohlefasermatte von Millennium auf dem Seismographen hervorragend, die öffnet das Klangbild noch merklich weiter.

Fazit

Der Seismograph ist ein strukturell einfacher, aber sehr konsequent gemachter Plattenspieler. Er klingt überragend kernig und transparent, bewahrt Emotion und Wärme, erfordert jedoch Sorgfalt bei der Aufstellung.

Preis: um 22000 Euro

Plattenspieler

Seismograph Professional


12/2017 - Holger Barske

Ausstattung & technische Daten 
Vertrieb SoReal Audiovertrieb, Unterweilenbach 
Telefon 08445 2670030 
Internet www.soreal-audio.de 
Garantie (in Jahre) 2 Jahre 
B x H x T (in mm) 630/460/185 
Gewicht (in Kg) ca. 35 kg 
Unterm Strich... Der Seismograph ist ein strukturell einfacher, aber sehr konsequent gemachter Plattenspieler. Er klingt überragend kernig und transparent, bewahrt Emotion und Wärme, erfordert jedoch Sorgfalt bei der Aufstellung. 
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Autor Holger Barske
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Datum 17.12.2017, 10:00 Uhr
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