Kategorie: Plattenspieler

Einzeltest: Rui Borges Pendulum II


Der Meisteralchimist aus Lissabon

Plattenspieler Rui Borges Pendulum II im Test, Bild 1
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Jeder, der schon einmal einen Plattenspieler von Rui Borges gesehen und natürlich gehört hat, wird ihn nicht mehr vergessen. Ästhetik, Verarbeitung und Klang gehen hier eine Synthese ein, die so auf dem Weltmarkt selten ist

Immer wieder lese ich in etwa folgendes Mantra: „Ein Plattenspieler muss nur stabile Drehzahlen abliefern, alles andere machen Tonarm und Tonabnehmer.“ Das ist, ganz unverblümt gesagt, Unsinn. Und jeder, der Ohren hat zu hören, muss das anerkennen. Es lässt sich natürlich irgendein Dreher zusammenbauen, der Platten sauber und stabil abspielt. Sobald man aber ein wirklich durchdachtes und fein abgestimmtes Laufwerk danebenstellt, wird einem klar, wo die Seele der Musik wirklich wohnt. Garantiert tut sie das im Pendulum II von Rui Borges, dessen skulpturale Eleganz ich einfach nur bewundere. Und ich frage mich: Wie kommt man auf so etwas? Wie gelingt es einem, so viele unterschiedliche Materialien derart stimmig zu amalgamieren? Man kann Borges, der unter anderem Architektur studiert hat, durchaus einen Alchimisten nennen, wenn man sich genauer ansieht, wie er seine Plattenspieler aufbaut - wobei er sich nicht wirklich in die Karten schauen lassen möchte. Der Mann hat schließlich auch nur ein Produkt beziehungsweise neben dem Pendulum II aktuell noch zwei weitere Modelle: den Ultimo II, der dem Pendulum vorausging und eine abgespeckte Version davon ist, und den kleineren Uno II.
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Und an diesen Babys hat er über Jahrzehnte entwickelt, unendlich viele verschiedene Materialien analysiert und ihre Wechselwirkungen erforscht. Der alles entscheidende Gradmesser ist für ihn das unentwegte Musikhören und er nimmt sich dabei genügend Zeit, Lösungen in sich aufsteigen zu lassen, die er dann konsequent umsetzt. Sein Pendulum II ist sicherlich ein Luxusprodukt und es ist ein großer Luxus, den sich Rui Borges mit seiner Arbeitsweise leistet. Doch ist das ein Luxus, der seine Produkte wirklich weiterbringt und den die gestörte Konsumwelt ihren Entwicklern zunehmend verweigert, weil sie glaubt, dafür keine Zeit zu haben, was ich für einen großen Fehler halte. Also versuche ich, mich einem Mann und seinem Meisterwerk anzunähern, der ein wenig wie ein schlauer Mittelmeerfisch ist, den man nie wirklich zu fassen bekommt und der eigentlich nur durch seine Produkte sprechen möchte. Apropos Produkte. 1990 hat Borges mit dem RSB Reference seinen ersten Plattenspieler gebaut, ihn aber erst fünf Jahre später auf einer portugiesischen HiFi-Show ausgestellt – auch das mag als Beleg für sein Zeitgefühl und den zugrunde liegenden Perfektionismus dienen. Denn was machen Perfektionisten? Sie machen alles selbst, weil niemand ihren Ansprüchen genügen kann. Und dadurch dauert alles ein wenig länger, wird dafür aber – perfekt. Den Ultimo, der dem Pendulum vorausging, stellte er dann erst fünf Jahre später vor. Seither versucht er, noch bessere Plattenspieler zu bauen, und hat dafür tatsächlich bis vor Kurzem sämtliche Teile selbst produziert, und zwar in exorbitant guter Qualität. Doch inzwischen hat er Firmen gefunden, die seinen Ansprüchen genügen und an die er bestimmte Arbeiten vergibt. Wie fing das alles an? Als junger Musikfreak besaß Borges einen Thorens TD 125 sowie einen Garrard 401 und träumte von einem vermeintlichen Upgrade auf einen Linn LP12 oder einen Roksan Xerxes. Doch dann bat ihn ein Freund, seinen defekten Goldmund Reference zu restaurieren, weil er wusste, dass Borges außergewöhnliche Fähigkeiten hatte. Neben seinem Background in Architektur, Kunstgeschichte und Design kann der Mann auch mit profunder handwerklicher Erfahrung aufwarten, die er sich vor allem bei einem Bootsbaumeister erworben hat. So war der Goldmund eine willkommene Herausforderung, die er gerne annahm. Als er schließlich das Ergebnis seiner Arbeit hörte, war er überwältigt und wusste, dass er keinen LP12 oder Xerxes mehr brauchte. Nein, er wollte einen eigenen Plattenspieler entwickeln, denn was er bereits mit dem modifizierten Goldmund erreicht hatte, überwältigte ihn mit Stille, Luftigkeit und wunderbarem musikalischem Fluss und Timing. Jahrzehnte und viele ingenieurtechnische Schritte später ist er der Meinung, dass er sein Ziel erreicht hat, und auch wenn ich keinen Goldmund zum Vergleich habe, könnte das sehr gut der Fall sein. Ernsthaft gehört habe ich den Pendulum II zum ersten Mal vor etwa zwei Jahren in einer privaten Vorführung. Rui Borges selbst war anwesend und führte die Wirkung des namensgebenden Pendelstabs vor, auf den ich noch eingehe. Alle Anwesenden, angesehene Vertriebsprofis eingeschlossen, waren fassungslos. Denn je nachdem, in welche Richtung er das Gegengewicht des Pendelstabs drehte, veränderte sich das Ergebnis von „okay“ zu „sensationell“. Es war unbegreiflich und unvergesslich zugleich. Seither habe ich das Laufwerk mit vielen verschiedenen Tonarmen und Tonabnehmern gehört. Der Eindruck absoluter Eleganz und Souveränität sowie stoischer Klangtreue blieb das durchgehende Erkennungsmerkmal. Wo andere Spitzenlaufwerke Einzelkriterien in den Vordergrund stellen, zeigt der Pendulum II eine Art klanglicher Geschlossenheit, die ich so fast nie höre. Borges hatte schon als Kind erste Versuche mit analoger Abtastung gemacht. Beim Abspielen einer Platte drehte er die Lautstärke auf null herunter und hörte, was durch das Tonarmrohr übertragen wurde. Darauf muss man als Kind erst einmal kommen und ich habe den Eindruck, da war ihm sein Weg bereits vorbestimmt. Den jungen Rui faszinierte, wie viel Energie durch einen winzigen Diamanten aufgenommen und übertragen werden konnte, eine Energie die seitlich bis zu 8G betragen kann. Zum Vergleich: In einem Formel-1-Auto wirken in den Kurven „nur“ etwa 5G auf die Fahrer ein. Borges sagt deshalb zu Recht: „Ein Plattenspieler ist ein sehr komplexes Unterfangen.“ Man muss diese heftigen Energien, sprich Vibrationen auch aus der Luft und vom Trittschall in den Griff bekommen. Das Mittel der Wahl dazu ist natürlich, sie zu absorbieren und abzuleiten, und zwar so, dass sie die Wiedergabe nicht beeinträchtigen, was gleichzeitig bedeutet, dass der Plattenspieler auch nicht überbedämpft werden darf. Denn Masse um der Masse willen funktioniert nicht wirklich, da gespeicherte Energien zu unerwünschten Zeitpunkten in die Wiedergabe eingreifen und den Klang verschlechtern können. Das bedeutet aber im Umkehrschluss auch, dass man die Ableitenergien und Laufzeiten der unterschiedlichen Materialien kennen und entsprechend synchronisieren muss. Und das kann der Meister aus Lissabon. Bei meinen Versuchen, ihm weitergehende Details dazu zu entlocken, blieb er, wie schon angedeutet, sehr wortkarg. Ich verstehe zwar, dass er sich Sorgen macht, sein Lebenswerk könne kopiert werden. Ich halte das aber für unwahrscheinlich, ebenso wie kein Spitzenkoch den anderen wirklich kopieren kann. Die Essenz seiner recht sparsamen Aussagen teile ich gerne mit Ihnen: „Die unterschiedlichen Materialien leiten die Energien, die vom Tonabnehmer kommen, auf verschiedene Weisen ab: HDF und Acryl sind langsame Ableiter, Glas und die Aluscheiben mit ihren Spikes hingegen sehr schnelle. Die Dämpfer auf Silikonbasis auf dem Acrylsubchassis sind zwischen 8 und 12 Hz getunt und der gesamte Plattenspieler agiert wie ein Musikinstrument: Steif und weich wechseln sich mit hart und bedämpft ab.“ Michael Kromschröder, Inhaber des Rui-Borges-Weltvertriebs Klangloft München, hat den Pendulum II für mich aufgebaut, damit ich seine Konstruktion besser verstehe. Und dabei bin ich mehr und mehr zu der Ansicht gekommen, dass Borges sich wirklich entspannt zurücklehnen kann, denn man wird das Geheimnis seiner Alchimie nicht wirklich entschlüsseln können. Die verbauten Materialien sind: Aluminium, Acryl, HDF, Faserplatte (nicht näher spezifiziert, könnte teilweise auch Pertinax sein), Bronze und Glas. Das Gesamtkunstwerk Pendulum II wird auf einem extra dafür gebauten und mitgelieferten Tisch aufgebaut, auf dem es seine ideale Stellfläche findet. Dieser Tisch besteht aus Aluminium, HDF und einer abschließenden massiven Faserplatte, die sehr steif und wenig resonanzanfällig ist. Darauf folgt ein Sandwich aus unterschiedlich dicken Faserplatten mit einer Glasschicht in der Mitte, das mit einer Aluprofilfederung von der Standfläche entkoppelt ist. Selbstredend sind die drei Schichten auch untereinander entkoppelt. Zusätzlich sorgt eine Art Resonanzscheibe aus Alu und Filz auf der rechten Seite für die die Ankopplung des „Sandwichs“ an den Untergrund und hat dadurch klangliche Relevanz. Das asymmetrisch geformte Subchassis aus Acryl ist an drei Alusockeln mit gelgefüllten Dämpfern montiert, mit deren Hilfe es optimal abgestimmt werden kann. Das Ganze wird über drei zweilagige Aluscheiben an die Faserplatte darunter angekoppelt. Die unteren Scheiben haben eine Filzschicht und sind voneinander durch Berylliumkugeln entkoppelt: Wer kommt denn auf so etwas? Das „tragende“ Chassis (wahrscheinlich aus Pertinax, diese Info ist aber nicht bestätigt worden) für Lager und Plattenteller sitzt mit Spikes auf den Dämpfern. Der Lagerdorn aus Edelstahl samt seiner Rubinkugel ist fest in den Subteller aus Aluminium verpresst. Das Lager selbst ist aus massiver Bronze gearbeitet und hat einen Lagerspiegel aus Wolframkarbid. Der Teller schließlich besteht aus Bronze, Aluminium und einer Art von Vinyl, die natürlich alle voneinander entkoppelt sind. Ich denke, Sie verstehen jetzt, was ich meine: Das ist nicht gerade die Art von Plattenspieler, die man „eben mal“ nachbauen kann. Der Gleichstrommotor hat keinen Kontakt zum Chassis und ist auf seiner eigenen Stellfläche wirksam entkoppelt. Seine Steuerung wurde von einem weiteren hochinteressanten portugiesischen Entwickler namens Joaquim Pinto entwickelt, der vor einigen Jahren mit einem feinen Phonovorverstärker namens Brutus auf sich aufmerksam gemacht hat. Am Motorgehäuse unten ist der schon angesprochene massive Pendelstab „Pendulum“ aus Vollaluminium mit einem drehbaren Gegengewicht aus Bronze und Aluminium befestigt. Damit kann man sowohl die Riemenspannung als auch die Position des Pulleys verändern. Borges sagt: „Wenn beide Kriterien eine perfekte Synergie eingehen, kann man das ganz genau hören. Luftigkeit, Timing und Abtastruhe erreichen dann ein ideales Zusammenspiel.“ Es stellt sich dann meiner Erfahrung nach das Gefühl eines langen, ruhigen musikalischen Flusses ein, der bei Bedarf auch wild und reißend werden kann. Beispiele? Auf der wunderbaren Big-Band-Scheibe „Dizzy in Greece“ zaubert der Pendulum II mühelos auch die komplexesten Arrangements in den Hörraum. Hierbei gehen das Laufwerk, der so elegante und herrlich zu bedienende Bergmann-Odin-Tonarm und das teuerste MM-System aller Zeit, das Topwing Suzaku, das fairerweise für kleines Geld repariert werden kann, eine synergetische Ehe ein. Ich bekomme Lust auf die Stones und bei „Brown Sugar“ schrappelt Ron Wood auf dem rechten Kanal Akkorde, die mir bisher komplett entgangen sind. Und was noch famoser ist: Mit diesem Setup kann man die Stones sogar leise genießen. Dann muss es aber richtig laut werden, denn Billy Gibbons and The BFG’s pumpen „Got Love If You Want It“ aus den Nenuphars in den Raum: „Ist das geil“, grinsen wir uns an. Als weiterer Kontrast darf Dexter Gordons wunderbares Tenorsaxofon vor unseren Ohren wieder erstehen, wenn er mit unglaublichem Gefühl „I’m a Fool to Want You“ bläst, bevor meine ausgedehnten Hörsessions mit Rocket Juice & The Moon leider enden müssen. Die rhythmisch so komplexen Strukturen, die Flea am Bass und Tony Allen am Schlagzeug da mit höchstem Spaßfaktor generieren, stehen ungerührt im Raum und machen noch einmal die ganze Klasse dieses Plattenspielermonuments überdeutlich. Selbst wenn man zehn Plattenspieler-Entwicklern exakt dieselben Zutaten zur Verfügung stellen würde, es würde kein Pendulum II dabei herauskommen.

Preis: um 49900 Euro

Plattenspieler

Rui Borges Pendulum II


11/2019 - Christian Bayer

Ausstattung & technische Daten 
Vertrieb KlangLoft München 
Telefon 089-96058981 
Internet www.klangloft.de 
Garantie (in Jahre) 2 Jahre 
Abmessungen 77 x 86 x 60 cm 
Gewicht (in Kg) 230 kg 
Unterm Strich ... Ein unendlich fein austariertes Laufwerk, das seine Konstruktion vollkommen vergessen macht und sich ganz in den Dienst der Musik stellt. Ein Anwärter auf den Thron des weltbesten Laufwerks. 
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Autor Christian Bayer
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Datum 06.11.2019, 10:02 Uhr
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