Kategorie: Plattenspieler

Plattenspieler VPI Avenger Direct


New Jersey

Plattenspieler VPI Avenger Direct im Test, Bild 1
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Jede HiFi-Komponente eines Herstellers mit Tradition hat Charakter. Die Plattenspieler von VPI machen da keine Ausnahme – ganz im Gegenteil.

Und schon mal gar nicht, wenn es sich um Modelle handelt, die am oberen Ende der Modellpalette angesiedelt sind. Wie im vorliegenden Fall des Avenger Direct, der mit durchaus nennenswerten 37000 Euro zu Buche schlägt. Dafür allerdings gibt’s einen sehr besonderen Plattenspieler, der so ziemlich nichts an Konkurrenz zu fürchten braucht. Außerdem ist ein ausgesprochenes Tonarm-Prachtstück im Preis bereits enthalten. Der Avenger Direct ist die vierte Inkarnation des „Avenger“-Projektes, das auf einer alten Idee des Firmengründer Harry Weisfeld fußt und einen langen Dornröschenschlaf in der „Man müsste mal“-Schublade schlief. Die Referenzabteilung bei VPI bedienten die TNT-Modelle, man sah einfach keinen Bedarf für ein „Tripod“- Modell.

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Mit dem Ende der TNT-Baureihe änderte sich das, deshalb gibt’s nunmehr gleich mehrere Varianten des Themas. Das momentan dickste Ding in dieser Hinsicht ist der von zwei Motoren plus Riemen plus Reibrad angetriebene „Avenger Reference“ und es wäre sicherlich mal interessant herauszufinden, wie sich diese Konstruktion gegen den Avenger Direct schlägt, der, wie der Name schon andeutet, direkt angetrieben ist.  

Formales


Vintage-Plattenspieler-Kennern kommt beim Betrachten des Avenger Direct ohne Zweifel der Urvater dieser Bauform in den Sinn: Micro Seikis legendärer DQX-1000. Die dreibeinige Basis, bei der sich an jedem Lagerturm ein Tonarm montieren lässt, die geklemmten Tonarmbasen – all das ist Plattenspieler-Historie. Auch der DQX- 1000 war ein direkt angetriebener Dreher. In Sachen Physis war er allerdings deutlich zierlicher als der mächtige Avenger Direct, der rund 35 Kilogramm auf die Waage bringt.

VPI-Plattenspieler, insbesondere die größeren Modelle, sind eine absolut typische Verkörperung amerikanischer High-End- Tradition. Und so ist es eher nicht unbedingt feine Eleganz, die den Charme der Geräte ausmacht, sondern die raue Authentizität massiven Materialeinsatzes. So ist das eben in New Jersey, wo auch VPI beheimatet ist. Immer ein bisschen Arbeiterklassenattitüde, immer ein wenig Bruce Springsteen.  

Die Zarge des Avenger Direct besteht aus einem dreilagigen Sandwich aus zwei Acrylplatten, die mittlere Lage besteht aus massivem Aluminium, alles mittels einer hochdämpfenden Masse verklebt. Die drei Ausleger verfügen über gewaltige Stellräder feinfühlig in der Höhe verstellbare Stahlspikes, die hier jedoch keinesfalls direkten Kontakt zum Untergrund aufnehmen. Vielmehr ruhen die Spikes mit der Flanke in großformatigen Ringen aus Delrin, die wiederum in Aluminium-Untersetzern stehen. „Zwischengeschaltet“. Dazwischen sorgen offenbar gegossene Silikonringe für eine weitere Entkopplung des Ganzen vom Unterbau. Das wirkt alles ein wenig – sagen wir mal robust, ist aber zweifellos funktional. Die oben aus den Lagertürmen ragenden Stahlzylinder bilden unerschütterliche Basen für Tonarme. Und es dürfte keine noch so abenteuerliche Armkonstruktion geben, die sich hier nicht mit einer geeigneten Basisplatte anflanschen lässt. Ab Werk montiert VPI den stilistisch bestens passenden Zwölfzöller „Fatboy“ – über den reden wir später.   

Die Platte selbst liegt beim Avenger Direct auf einer dünnen Filzmatte, darunter kommt ein ziemliches Prachtstück von Teller zum Vorschein.

Plattenspieler VPI Avenger Direct im Test, Bild 5
Der Plattenteller ist ein mit Acryl bedämpftes Aluminium-Drehteil, die Tellerachse ist nicht durchgehend
Das großzügige Aluminiumdrehteil wird mit einer Einlage – abermals aus Acryl ruhig gestellt, Abklopfen bestätigt die Wirksamkeit der Maßnahme recht beeindruckend. Zum Lieferumfang gehört außerdem ein schwerer Edelstahlring, mit dem sich die Platte außen am Tellerrand bombenfest andrücken lässt. In Verbindung mit dem gleichfalls gewichtigen Edelstahl-Auflagegewicht ist das eine sehr wirksame Methode, auch verwellte Platten abspielen zu können, mal ganz abgesehen von der wünschenswerten Erhöhung des Trägheitsmomentes durch den Teller.   

Antrieb


Unter dem Plattenteller kommt eine recht unscheinbare Aluminiumscheibe mit angedrehten Zapfen zur Zentrierung des Tellers zum Vorschein, unter der sich der Direktantrieb verbirgt.

Plattenspieler VPI Avenger Direct im Test, Bild 7
Der Antriebsmotor ist eine Eigenentwicklung von VPI
Es gibt keine durchgehende Tellerachse, über die sich störende Vibrationen auf die Schallplatte übertragen könnten. Wem das alles ein wenig bekannt vorkommt, der ist vermutlich Stammleser dieses Magazins. Tatsächlich nämlich ist das komplette Antriebssystem des Avenger Direct inklusive Plattenteller eine Transplantation aus dem Jubiläumsmodell HW- 40 Anniversary, den wir hier auch schon ausführlich besprochen haben. Und wer umgehend in Ausgabe 5/2021 nachschlägt wird feststellen, dass der bis auf die Zarge identische Jubiläumsdreher seinerzeit „nur“ 18000 Euro gekostet hat. Mittlerweile schlägt jener allerdings mit stolzen 30000 Euro zu Buche, was eine direkte Folge der sattsam bekannten Lieferketten-, Energiekosten- und sonstigen Problemen ist: Hochwertige Geräte an einem teuren Produktionsstandort wie den USA zu fertigen führt bedauerlicherweise zu solchen Entwicklungen.  

Das ändert nichts an den Qualitäten des Direktantriebs, dessen prinzipieller Aufbau auf einem Konzept von Firmengründer Harry Weisfeld aus den Siebzigern zurückgeht und das sich erst heutzutage sinnvoll hat realisieren lassen. Der Motor generiert kernige 2,68 Newtonmeter Drehmoment, was das zügige Beschleunigen des Tellers beim Einschalten erklärt. Eine hoch auflösende Sensorik korrigiert die Tellerdrehzahl 2500 Mal pro Tellerumdrehung, für Konstanz sollte also hinreichend gesorgt sein. Es gibt nichts Einzustellen oder Nachzukorrigieren, die drei Taster an der Gerätefront schalten 33,3 Umdrehungen, 45 Umdrehungen oder aus. So einfach ist das. Der Tonarm ist der ebenfalls bekannte „Fatboy“ in seiner kardanisch gelagerten Ausführung. Es gibt auch eine ansonsten identische Ausführung mit Einpunktlager, die meines Wissens nach aber nicht im Paket mit dem Avenger Direct angeboten wird. Japanische Kugellager nach feiner ABEC-9-Spezifikation führen das 3D-gedruckte Armrohr präzise und spielfrei. Jenes sieht so gar nicht nach einem Teil aus, was die hobbyüblichen „motorisierten Heißklebepistolen“ liefern – ist es auch nicht. Es wird per hochwertigem „Selective Laser Melting“ (SLM)-Verfahren gefertigt und fein säuberlich oberflächenbehandelt. Der nicht ganz leichte Arm (genauere Daten dazu sind nicht zu finden) führt alles an Abtastern ab der Spezifikation „mittelhart“ aufwärts ohne Probleme, auch das brandneue Skyanalog Reference, dass als erstes im Fatboy Platz nehmen durfte.  

Klang


Neulich hat mal Jemand die generellen klanglichen Unterschiede zwischen den verschiedenen Plattenspieler-Antriebssystemen sehr passend zusammengefasst: Riemenantrieb wäre demnach wie eine elegante Reiselimousine, Direktantrieb wie ein Formel-1-Auto und Reibradantrieb wie ein Güterzug. Das trifft den Nagel auf den Kopf und lässt sich anhand des großen VPI bestens nachvollziehen: Das Ding liefert Beschleunigungswerte, wie ich sie selten erlebt habe. Nehmen wir zum Beispiel Henry Mancinis unvergleichlichen Peter Gunn-Soundtrack: Das Maß, in dem das Schlagzeug die lässige Nummer voranpeitscht ist absolut spektakulär. Das hat Drive und Hitze, dass es nur so kracht. Die Bläser strahlen, alles wirkt absolut stabil – ich würde das perfekt nennen. Bei diesem Charakter lohnt sich der Griff zu den betont spektakulären Platten. Wie die Three Blind Mice-Einspielung „Misty“ des Tsuyoshi Yamamoto Trios. Wenn diese Platte jemals swingen konnte, dann hier. Der VPI trifft das Timing absolut perfekt und sorgt bei aller Getragenheit der Darbietung für Schauer des Wohlwollens. Dazu trägt auch der Umstand bei, dass die Töne des Klaviers absolut nicht im Geringsten „wackeln“, was gerade bei diesem Album bei fast allen riemenangetriebenen Plattenspielern der Fall ist. Das Album bekommt hier ein Maß an Authentizität, wie ich sie selten erlebt habe, es gibt einfach merklich weniger Aufdickungseffekte. Ich empfehle den Einsatz von viel Membranfläche und Hornlautsprechern, um das auch bis zum Hörer transportiert zu bekommen. Das genaue Gegenteil klappt interessanterweise auch, Paul Kuhns Birdland-Konzert ist eine Ode an die Lässigkeit, und so fußwippend wie hier gibt‘s das nur selten zu hören. Absolut überzeugend!

Fazit

Der große VPI-Direkttriebler argumentiert sein Preisschild mit herausragendem Timing und einer extremen Kantenschärfe. Große Plattenspielerkunst!

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Kategorie: Plattenspieler

Produkt: VPI Avenger Direct

Preis: um 37000 Euro

3/2023

Herausragendes Timing und eine extreme Kantenschärfe. Große Plattenspielerkunst!

VPI Avenger Direct

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Ausstattung & technische Daten 
Vertrieb Audio Reference, Hamburg 
Telefon 040 53320359 
Internet www.audio-reference.de 
Garantie (in Jahre) 2 Jahre 
Abmessungen 560 x 250 x 430 mm über alles 
Gewicht (in Kg) ca. 35 kg 
Unterm Strich ... Der große VPI-Direkttriebler argumentiert sein Preisschild mit herausragendem Timing und einer extremen Kantenschärfe. Große Plattenspielerkunst! 
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Datum 05.03.2023, 10:01 Uhr
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Mit diesen Chassis wollte ich schon immer mal etwas bauen. Dass ich sie allerdings jemals zusammen in einer Box haben würde, hätte ich dann doch wieder nicht erwartet – dass das Ganze so gut werden würde, dann schon eher.

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