Kategorie: Tonabnehmer

Einzeltest: Clearaudio Charisma V2


Bewegende Magnete

Tonabnehmer Clearaudio Charisma V2 im Test, Bild 1
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Clearaudio hat vor einiger Zeit seine MM-Tonabnehmersparte runderneuert. Zu guter Letzt war das Topmodell Charisma an der Reihe, das jetzt ebenfalls im „V2“-Outfit vorliegt

Mich beschleicht ja schon länger der Verdacht, dass man ihnen bitter Unrecht tut, wenn man sie nur als die maximal zweitbeste Lösung in Sachen Tonabnehmerkonstruktionen ansieht: die MM-Abtaster. Nicht zuletzt die ambitionierten Konstruktionen von Clearaudio aus Erlangen werfen immer wieder die Frage auf, ob‘s denn unbedingt ein teures MC sein muss, wenn‘s um ausgezeichneten Klang von der Schallplatte geht. Die schlichte Antwort lautet: Nein, es muss nicht. Und zur Untermauerung dieser Aussage hat Clearaudio nunmehr das Charisma V2 ins Rennen geschickt, einen lupenreinen Moving-Magnet-Abtaster mit MC-Genen an entscheidenden Stellen. Allerdings auch zum MC-Preis: Mit 1.500 Euro hängt das Modell die Latte auf ein unerfreulich hohes Niveau.

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Und es würde mich sehr wundern, wenn sich der eine oder andere Hersteller nicht berufen fühlen würde, diesbezüglich nachzuziehen. Abseits solcherlei Wehklagens weiß Clearaudio durchaus, wie man Wertigkeit suggeriert: Das Charisma V2 kommt in einer luxuriösen großen Holzbox mit Magnetverschluss, im Inneren steckt eine Acrylglaspyramide, in deren Zentrum das Objekt der Begierde seiner Verwendung harrt. Zum Vorschein kommt ein neun Gramm schwerer Abtaster, der in einem seitlich gerundeten Gehäuse aus dunkelbraunem, fast schwarzen Ebenholz steckt. Der Hersteller sagt handgeschnitzt – Respekt, da muss aber jemand mit dem ganz feinen Messerchen wirklich exzellent umgehen können. Den mechanischen Anschluss zum Headshell besorgt ein Inlay aus Neusilber, einer ziemlich dichten und resonanzarmen Legierung aus Kupfer, Nickel und Zink. Die beiden Befestigungsgewinde im normgemäßen Halbzoll-Abstand sind direkt ins Holzgehäuse geschnitten, was in Anbetracht der Härte des Material auch bei notorischen Tonabnehmerwechslern auf die Dauer kein Problem darstellen sollte. Seitlich sind Nuten ins Gehäuse eingearbeitet, in die der Plexiglas-Nadelschutz eingeschoben wird. Den darf man ruhigen Gewissens bis an den Anschlag schieben, der Nadelträger steht nicht über die Gehäusekante hinaus. Das erwähne ich bewusst an dieser Stelle, bei den MCs von Clearaudio ist das nämlich anders, da guckt der Nadelträger vorne heraus, was sicher schon den einen oder anderen Anwender ins Tal der Tränen geschickt hat. Ich fühle mit Ihnen, ich bin auch so ein Anwender. Und weil wir gerade beim Nadelträger sind: Da haben die Erlangener tief ins Regal gegriffen und dem Charisma V2 genau die Kombination aus Träger und Abtastdiamant spendiert, die auch im sündteueren MC-Spitzenmodell Goldfinger Dienst tut. Will sagen: Der Nadelträger besteht aus Bor, vorne ist ein winzig kleiner mit Gyger-S-Schliff versehener Diamant montiert. Der genoss zudem eine doppelte Politur und darf sich so maximaler Oberflächengüte erfreuen. Eigenem Bekunden nach ist Clearaudio der einzige Hersteller, der einen MM-Abtaster mit Bornadelträger baut. Prinzipiell ist das eine gute Idee, denn das Material ist extrem leicht und gleichzeitig steif; diese Tugenden qualifizieren es perfekt für den Job. Bei MC-Anwendungen steht der Gewichtsaspekt im Vordergrund, bei den ohnehin mit deutlich höherer bewegter Masse arbeitenden MMs sollte die Steifigkeit der springende Punkt sein. Wir erinnern uns kurz an die strukturellen Unterscheide beider Prinzipien: Beim MC werden hauchfeine Spulen im Feld feststehender kräftiger Magnete bewegt, beim MM deutlich zartere Magnete in Reichweite möglichst hochinduktiver feststehender Spulen. In Sachen Energieeffizienz haben MM-Abtaster klar die Nase vorn: In der Regel generieren sie rund zehnmal so hohe Ausgangsspannungen wie ihre Verwandten mit bewegter Spule. MCs müssen viel weniger Masse durch die Gegend wuchten, die Nadel kann der Rille deshalb besser folgen, dafür kommt auch kaum was hinten raus: Der Aufwand in Sachen Phonovorverstärkung für MC-Abtaster ist deutlich höher. Zurück zum Bornadelträger: Wenn das Zeug so klasse ist, warum verwendet das dann nicht jeder bei seinen MM-Tonabnehmern? Abgesehen davon, dass der weltweit größte Lieferant für solche Preziosen der Feinwerktechnik vor geraumer Zeit das Produktionsende für solche Borröhrchen angekündigt hat (eine Nachricht, die sich im Nachhinein zum Glück als nicht ganz so heiß erwiesen hat), ist das Zeug einfach teuer. Nicht wegen der benötigten Materialmengen, die natürlich völlig nichtig sind, sondern wegen des aufwendigen Herstellungsprozesses. Und den nicht minder edlen Schweizer Präzisionsdiamanten kriegt man auch nicht mit Heimwerkermitteln vorne am Nadelträger befestigt. Und deshalb kostet das Charisma V2 anderthalbtausend Euro. In Sachen Einbaubedingungen gibt sich der Abtaster lammfromm: Eine Nadelnachgiebigkeit von 17 μm/mN ist für eine MM-Konstruktion zwar recht steif, über alles betrachtet aber sehr „mittel“; die üblichen MCs liegen ebenfalls in diesem Bereich. Das Clearaudio will also exakt unter jene Tonarme, unter denen sich auch gängige MCs wohlfühlen. Bei einer Schnelle von 5 cm/s generiert es eine Ausgangsspannung von 3,6 Millivolt, passt also perfekt an übliche MM-Phonoeingänge. Es will mit einer relativ hohen Auflagekraft von 24 mN betrieben werden, das kennen wir von Clearaudio-Abtastern. Also rein mit dem Ding in den „Geht-immer-SME“- Arm vom Typ 3500 und los geht’s. Die Verstärkung übernahm bewährterweise der MalValve preamp three phono, von dem ich genau weiß, dass er MM- und MC-Abtaster klanglich identisch behandelt. Das mag bei Ihrer Phonovorstufe zu Hause übrigens etwas anders sein, da mag sich das Weglassen der üblicherweise vorgeschalteten MC-Vorvorverstärkung duchaus als Vorteil herausstellen. Man sollte dem Abtaster ordentlich Einspielzeit gönnen, aber danach gibt’s kein Halten: Tatsächlich schafft es das Charisma V2, den „Ja, aber“-Eindruck üblicher MMs ziemlich gründlich zu unterminieren. Will sagen: Es hat die geschlossene Ganzheitlichkeit üblicher Abtaster, löst aber merklich besser auf als zum Beispiel das von mir überaus geschätzte Audio Technica AT 5 V. Tonal ist es auf der spritzig-kräftigen Seite, es liefert tiefe, knackige Bässe, nicht so rund und warm wie das Audio-Technica. Eine so dichte Atmosphäre habe ich mit Bill Hendersons traumhafter Liveversion des Klassikers „Send in the Clowns“ per MM noch nie hinbekommen, Chick Corea und Gary Burton dreschen einem ihre perkussiven Attacken nur so um die Ohren. Ja, das funktioniert – Glückwunsch nach Erlangen!

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Fazit

Clearaudios Bemühungen, ein MM mit MC-Qualitäten zu generieren, sind aufgegangen. Das Charisma V2 ist eine hochdynamische und bestens auflösende Angelegenheit, die ihre Geschlossenheit nicht eingebüßt hat.

Preis: um 1500 Euro

Tonabnehmer

Clearaudio Charisma V2


09/2017 - Holger Barske

Ausstattung & technische Daten 
Vertrieb Clearaudio, Erlangen 
Telefon 09131 40300100 
Internet www.clearaudio.de 
Garantie (in Jahre) 2 Jahre 
Gewicht (in g)
Unterm Strich... Clearaudios Bemühungen, ein MM mit MC-Qualitäten zu generieren, sind aufgegangen. Das Charisma V2 ist eine hochdynamische und bestens auflösende Angelegenheit, die ihre Geschlossenheit nicht eingebüßt hat. 
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Holger Barske
Autor Holger Barske
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Datum 16.09.2017, 14:54 Uhr
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