Kategorie: Plattenspieler

Einzeltest: PTP Audio Solid9 / Track9


Ein halbes Jahrhundert später

Plattenspieler PTP Audio Solid9 / Track9 im Test, Bild 1
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Manche Karrieren passieren nicht so ganz minutiös geplant, sondern eher durch Zufall. Wie die des Holländers Peter Reinders, der eigentlich gar nicht Plattenspielerproduzent werden wollte

Die etwas Erwachseneren unter uns werden sich erinnern: Es gab mal eine Zeit, da war der Plattenspielermarkt nicht von riemengetriebenen Laufwerken in jeder Form und Farbe dominiert. Bevor sich die modernen Direktantriebskonstruktionen anschickten, den Markt zu übernehmen, gab es so interessante Konstruktionen wie per Reibrad angetriebene Plattenspieler. Dabei übernimmt ein von unten oder seitlich an den Plattenteller gepresstes Rad oder eine Rolle die Aufgabe, die Motorkräfte zu übertragen. Die schlupffreie Verbindung zwischen jenem Reibrad und dem Plattenteller sorgt für eine maximal kraftschlüssige Verbindung zwischen Teller und Motor. Dynamisch betrachtet gibt es praktisch keine andere Möglichkeit, maximales Drehmoment an den Teller zu bekommen: Direktantriebe wollen nachgeregelt werden, Riemen haben immer mit Schlupf oder Dehnung zu kämpfen.

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Nicht umsonst eilt „Reibradlern“ der Ruf voraus, ein konkurrenzlos präzises Timing und beste Impulsverarbeitung liefern zu können. Die Klassiker des Genres wie die frühen EMT-Profilaufwerke 927 und 930, die großen Garrard-Modelle oder der berühmte Thorens TD124 werden heutzutage zu mehr oder weniger schwindelerregenden Preisen gehandelt. Und dann gab‘s da noch aus dem Consumer-Bereich diverse Modelle von Dual oder Lenco. Letztere spielen an dieser Stelle eine entscheidende Rolle. Die weitverbreiteten Reibrad-Lencos L-70, L-75 und L-78 wurden von den frühen Sechzigern bis Anfang der Achtziger gebaut. Zu der Zeit, als sich kaum jemand für Plattenspieler interessierte, wanderten die Geräte zu Tausenden in den Müll. Und es waren die aufkeimende Vintage-Szene und die Selbstbauer, die irgendwann entdeckten, dass die praktisch umsonst zu habenden Geräte durchaus klangliches Potenzial hatten. In den Tiefen des Internets entwickelte sich eine rege Bastelkultur rund um die Lencos, unter anderem tat sich ein Tüftler aus Holland mit einer guten Idee hervor: Mittels günstig zu fertigender Blechteile könnte man zentrale Komponenten des Lenco wie den kompletten Antrieb, das Tellerlager und das Tonarmboard aus der barocken Zarge befreien und deren relativ simple Montage in praktisch beliebigen Zargen ermöglichen. Die Idee erwies sich als großer Erfolg, die „PTP“-Umbausätze gab‘s und gibt‘s meines Wissens nach in der fünften Generation Daher stammt übrigens das Kürzel: PTP steht für „Peters‘s Top Plate“. Mittlerweile gibt‘s Reibrad-Lencos zwar lange nicht mehr so billig wie früher, aber ernsthaft Interessierte finden immer noch gute Exemplare zu fairen Kursen. Wer des Selberschraubens nicht mächtig oder willig ist, der kann bei Peter Reinders zwei Plattenspielermodelle kaufen, die mit vom Meister höchstselbst restaurierten Lenco- Komponenten arbeiten: Es gibt die hier zur Debatte stehende Neun-Zoll-Variante für neun und zehn Zoll lange Tonarme und einen Solid12 für die längeren Kaliber. Das Laufwerk ist für 2.750 Euro direkt beim Erbauer aus Amsterdam zu beziehen. Seit Neuestem bietet Peter Reinders einen eigenen Tonarm an. Den gibt‘s in zwei Längen, auf den Solid9 gehört selbstredend ein „Track9“, der für 1.950 Euro zu erstehen ist. Beim optisch angenehm unaufgeregten Laufwerk zeigt sich Peter Reinders’ beruflicher Hintergrund: Der Mann ist gelernter Produktdesigner. Was auch seine nicht ganz alltägliche Materialwahl bei der Zarge erklärt: Sie besteht nämlich aus dem mineralischen Kunstwerkstoff Corian. Das Laufwerk war bis dato nur in schlichtem Schwarz oder Weiß zu haben, der „Oreo“- Look unseres Testgerätes ist neu. Corian ist ein sehr fester und schwerer Werkstoff mit besten Dämpfungseigenschaften, das Gerät wiegt stattliche 20 Kilogramm. Ein paar der Kilos gehen aufs Konto des Zinkdruckguss- Plattentellers, der ein Lenco-Originalteil ist. Peter Reinders poliert ihn natürlich fein säuberlich auf und montiert umlaufende O-Ringe, die die Klingelneigung merklich minimieren. Obendrauf gibt‘s eine solide Matte aus Gummikork. Unter dem Teller kommt „Peter‘s Top Plate“ zum Vorschein. Tatsächlich sind‘s zwei Edelstahlbleche; eines trägt den Motor, die Antriebsspindel und das federbelastete Reibrad, das andere vor allem das Tellerlager. Dadurch ist eine funktionierende Entkopplung beider Baugruppen gewährleistet. Das Tellerlager, der Motor und das Reibrad befinden sich trotz ihres Alters in einem Zustand, der sicherlich nicht schlechter als neuwertig ist. Die schlichte, aber durchdachte Konstruktion des Laufwerks bleibt dabei im Wesentlichen unangetastet. Das funktioniert so: Ein recht schnell drehender kräftiger Wechselstrommotor treibt eine dünne Stahlachse mit konischem Profil an. Sie überträgt die Antriebsenergie über das senkrecht an einem Ausleger montierte Reibrad auf die Unterseite des Tellers. Mit einem Verstellmechanismus lässt sich die Position des Reibrades auf der konischen Achse variieren und damit die Übersetzung dieses „Getriebes“. Damit lässt sich die gewünschte Drehzahl einstellen. Reinders beschränkt sich beim PTP auf 33,3 und 45 Umdrehungen und lässt die extremeren Übersetzungsverhältnisse weg. Das verlängert die Lebensdauer der Schlüsselkomponenten merklich. Der Antrieb produziert im Betrieb übrigens keinerlei wahrnehmbare Geräusche. Das habe ich tatsächlich noch bei keinem Reibrad-Lenco erlebt – hier scheint jemand sein Handwerk zu verstehen. Hinten rechts auf dem Chassis gibt‘s eine austauschbare runde Montageplatte für den Tonarm, die hier vom brandneuen Track9 in Beschlag genommen wird. Der angenehm schlichte Arm entstand in Zusammenarbeit mit dem ebenfalls in Amsterdam beheimateten Bernd Hemmen, der mit seinen Primary-Control-Tonarmen und Laufwerken normalerweise in ganz anderen preislichen Sphären unterwegs ist. Ebendort wird der Track9 auch gefertigt. Das massive Lagergehäuse hinten ist fix. Darin rotiert ein kleiner Zylinder für die Bewegung um die Vertikalachse, die Horizontallager sind seitlich in diesem Bauteil eingelassen. Das Ganze ist sehr schlicht und steif aufgebaut, als Lager dienen vorgespannte Spitzenlager in beiden Ebenen. Das Armrohr besteht aus einem Kohlefaser-Aluminium-Komposit und ist innen bedämpft. Das Headshell ist mit einer lösbaren Klemmung am Rohr befestigt und kann verdreht werden, das besorgt die Azimutverstellung. Eine Höhenverstellung (klassisch per Klemmschraube am Schaft) gibt‘s auch, das Antiskating funktioniert magnetisch. Seine Wirkung ist per seitlich im Lagerblock eingelassener Schraube verstellbar. Das ist von vorne bis hinten ein aufgeräumtes und bestens durchdachtes Design, so dass dem Hörgenuss nichts mehr im Wege stehen sollte. Der Track9 verfügt über eine effektive Masse von 15 Gramm. Damit kommt eine breite Palette von Tonabnehmern infrage. Eine bestens bewährte Kraft für solche Fälle ist das Transrotor Merlot Reference, das auch in Sachen Preisklasse gut zu der PTP-Kombi passt. Das macht sich augenblicklich durch ein kräftiges und bestens konturiertes Klangbild bemerkbar. Die ersten Töne gehören The XX mit ihrem jüngsten Album „I See You“. Der Opener „Dangerous“ pumpt absolut überzeugend, der Bass ist frei von jeglichem Hüftspeck – so und ganz genau so muss das. Die Gesangsstimmen haben Flair und Luft, Raumgröße und Staffelung passen perfekt. Da fällt nichts heraus, da macht nichts groß auf sich aufmerksam – das stimmt einfach. Das Album läuft komplett durch. Im Anschluss gibt‘s etwas ganz Besonderes: Auf dem 1976er-Album „Level Headed“ von Sweet gibt‘s diese großartige lange Version von „Love Is Like Oxygen“, die einmal mehr beweist, dass damals auch populäre Musik richtig gut produziert wurde. Überaus knackiges Schlagzeug, Stabilität, Kraft – alles da. Gewiss, auch diese Kombination ist nicht wirklich ein billiges Vergnügen, bewegt sich aber noch in irgendwie erreichbaren Dimensionen. Und dafür gibt‘s definitiv ein Gerät, mit dem man bequem bis in alle Ewigkeiten Musik auf extrem hohem Niveau genießen kann.

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Fazit

Optisch stimmig, klanglich durchzugsstark und schlüssig – das passt. Erstaunlich, wie weit sich die rund 50 Jahre alten Kernkomponenten ausreizen lassen.

Preis: um 2750 Euro

Plattenspieler

PTP Audio Solid9 / Track9


09/2018 - Holger Barske

Ausstattung & technische Daten 
Vertrieb PTP Audio, Amsterdam, Holland 
Internet www.ptpaudio.com 
E-Mail: peter@ptpaudio.com 
Garantie (in Jahre) 2 Jahre 
B x H x T (in mm) 500/150/400 
Gewicht (in Kg) ca. 20 kg 
Unterm Strich ... Optisch stimmig, klanglich durchzugsstark und schlüssig – das passt. Erstaunlich, wie weit sich die rund 50 Jahre alten Kernkomponenten ausreizen lassen. 
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Holger Barske
Autor Holger Barske
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Datum 21.09.2018, 14:58 Uhr
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