Kategorie: Plattenspieler

Einzeltest: VPI Prime Scout


Pfadfinderehre

Plattenspieler VPI Prime Scout im Test, Bild 1
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Kaum ein anderer Plattenspielerhersteller generiert neue Modelle derart locker aus dem Handgelenk wie die Amerikaner von VPI. Werfen wir einen Blick auf die Einstiegsklasse des hauseigenen Baukastensystems

Kann doch nicht. Oder doch? Scout? Den hatten wir doch schon? Aber ja doch. Mindestens zweimal schon. Tatsächlich stellte die Typenbezeichnung „Scout“ im Programm des in New Jersey beheimateten Unternehmens schon immer etwas Besonderes dar, handelt es sich doch um das mit Abstand meistverkaufte Modell aus dem Portfolio. Die aktuelle Inkarnation des Pfadfinders heißt „Prime Scout“ und deutet schon an, dass es ein paar Features des darüber angesiedelten „Prime“ geerbt hat. Der Prime Scout ist derzeit das kleinste Laufwerk in der für VPI typischen schmetterlingsförmigen Zarge, die beiden Modelle darunter tragen den schlichteren Rechteck-Look. Von „klein“ kann beim Prime Scout übrigens keine Rede sein, das Gerät baut satte 54 Zentimeter breit und wiegt außerdem fast einen halben Zentner.

Plattenspieler VPI Prime Scout im Test, Bild 2Plattenspieler VPI Prime Scout im Test, Bild 3Plattenspieler VPI Prime Scout im Test, Bild 4Plattenspieler VPI Prime Scout im Test, Bild 5Plattenspieler VPI Prime Scout im Test, Bild 6Plattenspieler VPI Prime Scout im Test, Bild 7Plattenspieler VPI Prime Scout im Test, Bild 8Plattenspieler VPI Prime Scout im Test, Bild 9
Für einen Paketpreis von 2.700 Euro gibt‘s das Gerät im Verbund mit dem Tonarm JMW 9, den kennen wir schon länger. Tatsächlich ist der Scout Prime mein erster VPI-Plattenspieler seit … ich glaube, dem gewaltigen TNT HRX aus den Anfangstagen dieses Magazins. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich Ihnen im Folgenden Dinge erzähle, die Kollege und ausgewiesener VPI-Experte Schmidt Ihnen schon zigmal nahegebracht hat, ist also ziemlich hoch. Sehen Sie‘s mir nach. Der Scout Prime baut auf eine überaus solide Zarge aus knapp vier Zentimeter dickem Material, das man vermutlich ruhigen Gewissens als MDF bezeichnen kann. Von unten dagegengeschraubt ist eine rund drei Millimeter dicke Stahlplatte, und dieses Sandwich ist nun wirklich von praktisch nichts in ekstatische Schwingungen zu versetzen. Es ruht an jeder Ecke auf einem mit einem Gummielement bedämpften Kunststofffuß. In Verbindung mit dem ordentlichen Gewicht des Gerätes ergibt sich dadurch eine ziemlich effektive Entkopplung von der Stellfläche. Wie die meisten modernen Plattenspieler zählt der Prime Scout zur Gattung der entkoppelten Masselaufwerke. Streng genommen sind die vier Füße in der Höhe verstellbar, die Angelegenheit verliert allerdings merklich an Stabilität, wenn man die Gewinde aus ihrer Endstellung dreht. Wenn Sie mich fragen: Kümmern Sie sich um einen stabilen waagerechten Unterbau und lassen Sie die Füße da, wo sie hingehören: am Anschlag. Kleiner Nachtrag zur Verbindung MDF-Zarge – Stahlplatte: Mittig besorgt die Verschraubung des Tellerlagers diese Verbindung und die macht auf der Unterseite durch eine ziemlich imposante Mutter mit einer Schlüsselweite von rund anderthalb Zoll auf sich aufmerksam. Das sollte ein gewisses Maß von Stabilität sicherstellen. Wo wir gerade beim Lager sind: Es ist von konventioneller Bauart, die Lagerhülse steckt also in der Zarge. Für die horizontale Führung sind zwei Messingbüchsen mit „Grafitimprägnierung“ zuständig – ich wusste zugegebenermaßen nicht, dass so etwas bei Messing möglich ist. Den Gegenpart bildet eine mit knapp elf Millimetern großzügig bemessene Achse aus gehärtetem Stahl (60 Rockwell). Für die vertikalen Kräfte sind eine ziemlich kleine Kugel – vermutlich Keramik – und eine Platte aus dem Hightech-Kunststoff „PEEK“ zuständig. Das Lager ist mit einer Portion Fett geschmiert und macht einen überaus robusten Eindruck. Interessant ist noch die Verbindung zwischen Achse und Teller: Die Achse ist nämlich leicht konisch geschliffen und wird praktisch untrennbar mit dem Teller verpresst. Jener ist eine gut drei Zentimeter starke Scheibe aus der Aluminiumlegierung 6061. Ich bedanke mich persönlich dafür, dass niemand „Flugzeugaluminium“ drangeschrieben hat. Klingelneigung unterdrückt eine unten in eine Vertiefung geklebte Matte aus dämpfendem Material. Obendrauf kommt die seit einiger Zeit übliche, ziemlich bunte VPI-Tellermatte zum Einsatz. Die besteht zumindest teilweise aus Filz, scheint an der Unterseite aber noch beschichtet zu sein. Die Matte mag gut sein (und verfügt außerdem über integrierte Stroboskopmarkierungen), optisch muss man sie wollen. Den Antrieb besorgt ein links in der Ausbuchtung der Zarge stehender Motorblock. Im Inneren der „Dose“ aus Aluminiumguss steckt ein Synchronmotor vom US-Spezialisten Hurst, den VPI schon seit Jahrzehnten einsetzt. Seine Drehzahl klebt unerschütterlich an der Netzfrequenz, die Nenndrehzahl wird durch Umlegen des runden Gummiriemens auf den entsprechenden Durchmesser des Motorpulleys gewählt. Bei ziemlich geringer Riemenspannung – also recht geringem Abstand zwischen Motor und Zarge – klingt‘s am besten. Die Drehzahlstabilität der Angelegenheit ist makellos, VPI hat aber elektronische Motorsteuerungen im Programm, mit denen sich auch der Prime Scout aufwerten lässt. Alle VPI-Tonarme sind Variationen des gleichen Konzeptes und setzen konsequent auf eine Einpunktaufhängung, auch der aktuelle JMW 9. Die Zahl beschreibt die effektive Länge in Zoll und richtig, es gibt auch einen JMW 10.5 und einen JMW 12. Bei dieser Variante besteht der Armtubus aus Metall – ich würde auf Edelstahl tippen. Das Rohr steckt hinten in einem schwergewichtigen Lagergehäuse. Ganz tief in der „Glocke“ steckt die Aufnahme für den Lagerdorn, ein schwerer Edelstahlkragen am unteren Rand des Gehäuses besorgt mithilfe zweier Ausleger den erforderlichen tiefen Schwerpunkt. Hinten aus dem Lagergehäuse ragt der hintere Armstummel, auf dem das exzentrisch gebohrte Gegengewicht per Madenschraube arretiert wird. Die Verstellung des Nadelazimuts erfolgt durch Verdrehen des Gegengewichtes, die Auflagekrafteinstellung durch Verschieben. Die Justage der beiden Parameter erfordert ein wenig Fingerspitzengefühl, ist aber machbar. Nachdem VPI lange Jahre auf ein richtiges Antiskating verzichtete, hat man dem Druck des Marktes nachgegeben und stattet die Arme mittlerweile mit einer Anordnung aus, die auf dem Anschlusskästchen mit den Cinchbuchsen montiert ist. Dabei zieht ein kurz vor dem Gegengewicht am hinteren Armstummel angelenkter Faden mit auf einem drehbaren Ausleger angeordneten Gewicht in die gewünschte Richtung. Das funktioniert zweifellos, man merkt, dass diese Lösung den Konstrukteuren nicht wirklich am Herzen lag. Höhenverstellung zur VTA-Justage? Gibt‘s. Mithilfe einer Rändelschraube ist der Arm nach Lösen einer Inbusschraube in der Höhe verfahrbar. Bleibt noch, einen geeigneten Tonabnehmer einzubauen, mithilfe der nach wie vor hervorragenden Justagelehre von VPI einzustellen und Musik zu hören. Ich habe zunächst das Lyra Kleos montiert, das preislich für den VPI zwar etwas drüber ist (derzeit knapp 3.000 Euro), aber sehr schnell zeigt, wohin die Reise geht. Der Griff in den Plattenschrank förderte zunächst das erste Album der britischen Minimalisten „The XX“ zutage, das ist immer eine sichere Bank. Das sah die VPI-Kombi offensichtlich genauso, schälte sie die beiden Gesangsstimmen doch vorbildlich frei aus dem Geschehen und positionierte sie exakt nebeneinander. VPI-Plattenspieler sind für ihr kräftiges und farbstarkes Klangbild bekannt und der Prime Scout macht dem Ruf alle Ehre: Das Schlagzeug tönt eindrücklich und sonor, die kräftigen Impulse beeinträchtigen die Transparenz des sonstigen Geschehens nicht im Geringsten – so soll das sein. Die nächste Runde gehört dem neuen The National-Album „Sleep Well Beast“. Vom ersten Ton an setzt der VPI seine substanzielle, enorm entspannte Gangart fort. Auch hier gelingt ihm das Auseinanderdividieren von Stimmen und Instrumenten bestens, das Klangbild ist eines, in dem man baden möchte. Von dieser Linie rückt der VPI auch mit anderen Spielpartnern nicht ab, sein kräftiger und klarer Charakter bleibt stets bestens identifizierbar. Zu diesem Preis ein ausgezeichnetes Angebot!

Fazit

Auch die neueste Plattenspielerinkarnation aus dem VPI-Baukasten funktioniert bestens. Prime Scout und JMW 9 tönen substanziell, klar, differenzieren bestens im Raum und benehmen sich völlig allürenlos. Das ist eine Menge Plattenspieler fürs Geld!

Preis: um 2700 Euro

Plattenspieler

VPI Prime Scout


04/2018 - Holger Barske

Ausstattung & technische Daten 
Vertrieb H.E.A.R. GmbH, Hamburg 
Telefon 040 41355882 
Internet www.h-e-a-r.de 
Garantie (in Jahre) 2 Jahre 
B x H x T (in mm) 545/400/170 
Gewicht (in Kg) ca. 25 kg 
Unterm Strich... Auch die neueste Plattenspielerinkarnation aus dem VPI-Baukasten funktioniert bestens. Prime Scout und JMW 9 tönen substanziell, klar, differenzieren bestens im Raum und benehmen sich völlig allürenlos. Das ist eine Menge Plattenspieler fürs Geld! 
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Holger Barske
Autor Holger Barske
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Datum 03.04.2018, 09:56 Uhr
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Topthema: DIE MUSIKTRUHE IST ZURÜCK
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