Kategorie: Vollverstärker

Einzeltest: Audio Research VSi55


Bochum

Vollverstärker Audio Research VSi55 im Test, Bild 1
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Die nächste Zeile in Herbert Grönemeyers Klassiker lautet „leider total verbaut“ - die lass ich mal weg, damit würde ich dem Audio Research-Vollverstärker VSi55 nämlich bitter Unrecht tun. Und mit „tief im Westen“ hat er eigentlich auch nichts am Hut, seine Geburtsstadt Plymouth/Minnesota liegt nämlich eigentlich ziemlich zentral in den USA. Trotzdem musste ich beim Auspacken dieses Gerätes spontan an „uns Herbert“ denken, irgendwie hat der mit 2.500 Euro erfreulich moderat bepreiste Röhrenvollverstärker unglaublich viel Ruhrgebiet an sich. Audio-Research-Geräte liefen noch nie Gefahr, mit Designpreisen überhäuft zu werden, und das gilt, so leid mir das tut, für den Vsi55 in ganz besonderem Maße. Was ein wenig damit zusammenhängen dürfte, dass er eben nicht ein von Grund auf neu konzipierter Vollverstärker ist, sondern eine Endstufe - richtig, die heißt dann VS55, die man zum Vollverstärker mutieren ließ.

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Das mag auch das etwas ungewöhnliche Geräteformat erklären, denn mit einer Breite von 35,5 und einer Tiefe von rund 44 Zentimetern gehört er eher mittig zwischen die Lautsprecher als ins klassische HiFi-Rack.

Schwarz gepulvertes Stahlblech, silbern eloxiertes Aluminium - der AR verströmt in der Tat einen etwas rustikalen Charme, den man mögen muss. Ich persönlich halte das Gerät für eine höchst willkommene Abwechlung vom klassischen Boxdesign oder den endlos vielen Pult-Vollverstärkern. Natürlich gehören an einen Röhrenvollverstärker eines traditionsreichen Herstellers zwei Drehknöpfe, einer für die Eingangswahl, einer für den Pegel. Denkste. Mit derlei Konventionen hat AR noch nie groß was am Hut gehabt, und vor einigen Jahren hat jemand in Plymouth bechlossen, dass es an der Zeit ist, sich den Segnungen der modernen Elektronik zumindest ein wenig zu öffnen und Geräte mit Displays und Fernbedienungen auszustatten. Das tut man dort sogar bei Phonovorstufen, wie wir in LP 04/2008 anhand der herausragenden PH7 feststellen durften. Und so kommt es, dass es an diesem Schlachtschiff von Vollverstärker rein gar nichts zu drehen gibt, außer den nur mit dem Schraubendreher zu betätigenden Trimmpotis für den Ruhestrom der Endröhren. Die alltäglicheren Funktionen bedient man per Tipptaster mit Leuchtdiodenrückmeldung oder gleich per Infrarotgeber. Der Traditionalist mag seine Probleme mit „Up“- und „Down“-Tastern vorne am Gerät haben, die Reihe aus 20 Leuchtdioden, die den eingestellten Pegel anzeigt, sieht schon fast wieder ein bisschen nach den frühen 80er-Jahren aus - irgendwie hat das was. In Sachen Ausstattung herrscht auch sonst kein Mangel, es gibt fünf Hochpegeleingänge, Anschlüsse für Vier- und Acht-Ohm-Lautsprecher, eine Mono- und eine Muting-Schaltung. Das ist mehr als okay. Was komplett fehlt, ist ein harter Netzschalter, eingeschaltet wird per Taster von vorne, ein Teil des Gerätes steht demzufolge ständig unter Strom. Eine Cinchbuchse auf der Rückseite hat eine gleichsam sinnvolle wie seltene Funktion: Hier wird ein aktiver Subwoofer angeschlossen, weshalb hier ein auf Mono heruntergemischtes Vorstufen-Ausgangssignal anliegt - das ist nicht doof und erleichtert die Bassergänzung für kleine Zweiwegelautsprecher bei Bedarf beträchtlich. Schaltungstechnisch sieht dieses eingedenk des Preises erstaunlich dicke Schiff erst einmal sehr nach der Endstufe VS55 aus; zumindest ist kein zusätzlicher Glaskolben zu erkennen. Das ist auch richtig so, denn in der Tat findet die Ergänzung zum Vollverstärker auf passivem Wege statt; lediglich die Gesamtverstärkung der Schaltung wurde leicht angehoben, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden. Durchs Deckblech lugen vier Schwerarbeiter in Gestalt von Beam-Power-Pentoden vom Typ 6550, einer der wohl bewährtesten Leistungsröhren für klassische Push-Pull-Endstufen überhaupt. Und mit genau einer solchen haben wir es hier zu tun, sie läuft klassisch im A/B-Betrieb mit moderatem Ruhestrom und bedient sich des einen oder anderen AR-typischen Kniffs, um messtechnisch gut dazustehen. Das funktioniert ausgezeichnet, der Vsi55 ist eines der ganz wenigen Röhrengeräte, bei dem wir den Klirr-Grenzwert für die Leistungsmessung mal nicht bei drei Prozent ansiedeln mussten; seine knapp 50 Watt macht das Gerät auch bei 0,7 Prozent Klirr anstandslos. Die Ansteuerung des Leistungsteils übernehmen drei Doppeltrioden vom Typ 6N1P, die wie die Endröhren aus russischer Fertigung stammen. Wer hier mal tauschen will - nicht, dass es nötig wäre - für die 6N1P gibt’s übrigens kein direktes „Drop In Replacement“, will sagen: keine Röhre, die man ohne Änderung einfach so einstöpseln könnte. Sie ist nahe dran an einer 6DJ8 oder 6922, aber eben nicht so nahe, dass der Austausch gelingen würde. Zur Mikrofoniedämpfung bekamen die drei kleinen Russinnen je einen Gummiring als „Mütze“ spendiert - kann nicht schaden. Wer einen umfassenden Blick ins Interieur werfen will, der muss zweimal schrauben: Der Löwenanteil der Platinenbestückung zeigt sich, wenn man das obere Abdeckblech entfernt. Was es hier zu entdecken gibt, lässt das Herz des Bauteilekenners spontan schneller schlagen: REL-Folienkondensatoren, Wima-MKPs und Mills-Widerstände gehören eindeutig in die Oberliga der passiven Komponenten; das wäre bei dem Preisschild nicht zu erwarten gewesen. Ein zweiter Schwung solcher Preziosen gibt’s auf der Unterseite der Platine, diese doppelseitige Bestückung ist Standard bei Audio Research und hilft, die Signalwege kurz zu halten. Wie wir schon bei der Phonovorstufe PH 7 feststellen durften, ist man bei Audio Research keinesfalls darauf versessen, der reinen Lehre zu frönen und keinen Halbleiter im Signalweg zu dulden. Die gibt’s beim VSi55 auch, allerdings nur „ein bisschen im Signalweg“: Die Betriebsspannungen der Eingangsröhren sind nämlich elektronisch stabilisiert, und das tut hier schnödes Silizium. Die Vorstufen-Ergänzung manifestiert sich in Gestalt der elektronischen Lautstärkeregelung am Platinenrand hinter der Leuchtdiodenzeile, die Eingangssignale werden per Relais geschaltet, eine entsprechende Platine sitzt direkt bei den Eingangsbuchsen. Und wenn der Mikrocontroller sowieso schon an Bord ist, dann kann man ihm auch gleich noch die eine oder andere Sonderfunktion mit andienen; so erwacht der Verstärker erst rund 30 Sekunden nach dem Einschalten zum Leben, wenn die Arbeitspunkte der Röhren wenigstens halbwegs schon da sind, wo sie hingehören. Der Aufbau des Gerätes macht von vorne bis hinten einen sehr professionellen Eindruck; Kabelverbindungen sind aufs Nötigste reduziert, die große Hauptplatine trägt fast alle Komponenten. Die drei Transformatoren sind direkt mit dem Chassis verschraubt; der Netztrafo wirkt dabei reichlich potent, die beiden Ausgangsübertrager scheinen zumindest ausreichend dimensioniert. Rein technisch gibt’s hier gar nichts zu meckern - die wissen halt wie’s geht, die Leute von Audio Research. Das gilt auch für den Fall, dass irgendwann einmal ein Wechsel der Endröhren erforderlich sein sollte; den erforderlichen Abgleich der Ruheströme kann der Anwender nämlich recht bequem selbst besorgen. Dazu gibt’s auf der Geräterückseite vier Paar Bananenbuchsen, in die ein simples Digitalmultimeter gestöpselt wird, die Einstellung des entsprechenden Wertes erfolgt per Trimmpoti und Schraubendreher von oben - das ist auch für Ungeübte kein wirkliches Problem. Das gilt auch für die Wahl des passenden Lautsprechers für das Gerät: Dank ein bisschen Gegenkopplung benimmt sich der VSi55 in dieser Hinsicht wenig kapriziös und akzeptiert so ziemlich jeden Spielpartner, der mit seinen Parametern halbwegs im Bereich des Normalen angesiedelt ist. Seinen Charakter vermag er praktisch immer zu Gehör zu bringen, und der verdient durchaus Aufmerksamkeit: Wer nämlich von so einem Prachtstück des amerikanischen Röhrenverstärkerbaus echten Old-School-Röhrensound mit dicken Backen untenherum und leicht übertriebener Euphonie obenherum erwartet hat, dessen Freund wird das Gerät nicht werden -die Maschine gibt sich klanglich nämlich viel disziplinierter, als man meinen sollte; hier ist von typischen Röhrenattributen nur noch recht wenig zu spüren. Im Bass geht’s knackig und schnell zur Sache, ab und zu würde man sich dort schon fast ein bisschen mehr Fülle wünschen - das ist ein Punkt, wo die Harmonie mit dem Lautsprecher stimmen muss. Im Stimmbereich ist die Röhre noch am ehesten zu entdecken; vielleicht verleiht das Gerät einer Cassandra Wilson noch einen kleinen Schuss Extraluft, macht das Organ minimal lieblicher, aber viel ist das nicht. Das gilt auch für das obere Ende des Frequenzbereichs: ausgedehnt, natürlich, aber nicht künstlich aufgeblasen. Ähnliches gilt für die Raumabbildung: Da gibt’s nichts Spektakuläres, der Verstärker macht diszipliniert seinen Job und spannt eine gut aufgeteilte Bühne mit realistischen Größenverhältnissen auf, so sollte das sein. Dynamisch geht das Ganze ordentlich nach vorne, hier gilt mal wieder der alte Grundsatz, dass sich ein Röhrenwatt ungleich kraftvoller anhört als ein Transistorwatt: Krach machen kann man mit dem VSi55 ganz ausgezeichnet. Womit sich der Kreis zur Überschrift schließt: Tatsächlich kommt man nicht umhin, die Tugenden des Gerätes schon fast teutonisch zu nennen.

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Fazit

Sie können’s einfach, die Mannen aus Plymouth: Der mal so locker aus einer Endstufe heraus entwickelte Vollverstärker spielt überaus ehrlich, stabil, und unprätentiös, veträgt sich mit einer Vielzahl von Lautsprechern und funktioniert einfach gut - bei einem sehr fairen Preisschild.

Preis: um 2500 Euro

Vollverstärker

Audio Research VSi55


11/2009 - Holger Barske

 
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Autor Holger Barske
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Datum 08.11.2009, 13:53 Uhr
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