Kategorie: Lautsprecher Stereo

Einzeltest: Wiener Lautsprecher Manufaktur Maria


Wie die Jungfrau zum Kinde

Lautsprecher Stereo Wiener Lautsprecher Manufaktur Maria im Test, Bild 1
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Es gibt Lautsprecher, denen kann man sich nähern wie jedem Wald-und- Wiesen-drei-Wege-Passiv-Modell: Die „Maria“ von der Wiener Lautsprechermanufaktur dagegen sind alles andere als normal. Und dann ist da auch noch Josef. Na, wie diese Geschichte weiterging, glauben wir ja alle zu wissen

Während sich der eine oder andere despektierlich über die unlackierte Oberfläche der WLM Maria auslassen mag, streichen meine Finger genau darüber und freuen sich, Holz zu spüren. Echtes Holz, und keine Barriere dazwischen. Okay, auch ich habe so meine Bedenken, was die Kompatibilität von sich bewegenden Menschen und von ihnen gehaltenen Gegenständen mit dem auf der Oberfläche frei stehenden Air-Motion-Transformer (AMT) angeht. Dessen Positionierung dürfte natürlich mit gutem Grund so gewagt ausgefallen sein: Wo keine rückwärtige Fläche ist, da können auch keine Schallanteile unmittelbar nach vorne reflektieren.

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Eine saubere und sehr impulsgetreue Hochtonwiedergabe sollte theoretisch die Folge sein. Und da ist noch eine weitere „Schrulligkeit“: Direkt hinter dem AMT von Mundorf ist ein 18 cm durchmessender Woofer hängend in die Top-Platte eingelassen. Seine Membran aus Papier wird nur von einem Stück Stoff vor herabfallenden Gegenständen oder dekorationswütigen Partnern beschützt. Der Basstreiber spielt auf ein Volumen, dessen Austrittsöffnung sich ganz oben auf der Rückseite der Lautsprecher befindet. Dieses Volumen soll laut WLM-Geschäftsführer Dr. Andreas Steiner Aspekte von Transmissionline und Bandpass vereinen. Womit wir bei einem der wichtigsten Aspekte der Konzeption von Lautsprechern aus der Wiener Manufaktur wären: Symmetrie. Alle Treiber dieses Lautsprechers sind im Prinzip doppelt vorhanden und ebenso im Prinzip symmetrisch auf oder im Lautsprecher verteilt. Das fängt am offensichtlichsten bei den beiden Mitteltönern an. Sie besitzen Membranen aus Papier, dem Papyrusfasern beigemischt wurden, um sie besonders stabil zu machen. Die Membranen haben einen Durchmesser von 13 Zentimetern und sitzen symmetrisch in D’Appolito-Anordnung um den Hochtöner vom französischen Hersteller Davis, der eher wie ein kleiner 7-Zentimeter-Breitbänder aussieht. Er besitzt ebenfalls eine Papiermembran, die hier allerdings mit Grafit beschichtet wurde. Nun kommt der erste Clou: Was wie ein Superhochtöner auf der Box aussieht, ist keiner, sondern ein parallel zum Davis laufender zweiter Hochtöner, der in einer Art verschränkter D’Appolito-Anordnung um den oberen Mitteltöner arbeitet. Das ist ungewöhnlich, zumal beide Hochtöner nicht baugleich sind, und ein interessanter Ansatz. Und der Bass? Nun, auch der aktiv entzerrte 182-mm-Langhub-Tieftöner aus dem PA-Bereich (natürlich ebenfalls mit einer Papiermembran ausgestattet) hat einen Counterpart. Dieser sitzt – wie sollte es anders sein – im Boden der Maria und spielt auf dasselbe Volumen wie der oben befestigte Tieftöner. Sie spielen im Push-Push- bzw. Pull-Pull-Betrieb, lenken also immer jeweils gleichzeitig nach außen oder innen aus. So sollen die Druckverhältnisse im Lautsprecher zu jeder Zeit gleich bleiben und Resonanzen sollen im Ansatz erstickt werden. Resonanzen sind nämlich ein zweites Anliegen von WLM – beziehungsweise deren Vermeidung. Wohlgemerkt Vermeidung statt Bekämpfung! „Wir arbeiten mit der Resonanz, nicht gegen sie“, so Dr. Steiner. Die symmetrische Anordnung der Treiber ist ein Mittel zum Zweck, die Herstellung des Gehäuses aus Vollholz und die 5-Achs-CNC-Fräsung der Schallgänge aus dem vollen Block von verleimten Vollholzklötzchen ein zweiter. „Das Vollholzgehäuse ist in Zusammenarbeit mit Sven Boenicke von Boenicke Audio entstanden und hat uns einen entscheidenden Schritt weitergebracht“, fügt er hinzu. Der dritte wichtige Aspekt ist maximale Membranfläche bei minimaler Schallwandbreite, und daher sitzen die Bässe oben und unten, während sie bei traditionell frontaler Montage die schlanke Silhouette unnötig verfetten würden. Ganz schön durchdacht also, das Ganze. Und dann wäre da noch das Verstärkerabteil, das in jedem Lautsprecher fast 1.000 Watt aus seinen Class-D-Modulen mobilisiert. Natürlich sind die WLM Maria vollaktiv: Das Signal wird also vor dem Leistungsverstärker in seine Frequenzbereiche aufgeteilt, und jedes Chassis-Paar hat seinen eigenen Amp im Rücken. 400 Watt gehen an die Bässe und je 250 Watt an die Mittel- bzw. Hochtöner. Besonders interessant sind die vielen Möglichkeiten zur Klangbeeinflussung mittels dreier Drehsteller und zweier Kippschalter auf der Rückseite. Da wäre zum einen die Möglichkeit, den AMT um 3 dB abzusenken, sollte er in schwach bedämpften Räumen zu vorlaut klingen. Des Weiteren kann man den Mittelton und den Bassbereich mittels zweier getrennter „Kontur“-Drehsteller in ihrer Charakteristik verändern, also die Flankensteilheit selbst bestimmen, und den Bassbereich separat nochmals im Pegel anheben. Die Bassentzerrung setzt bei 25 Hz ein, die Mitten-/Grundtonentzerrung bei 130 Hz. Zusätzlich ist die Bass-/Mittenübernahme umschaltbar von Standard auf Vollbereichsdipol: Dabei übernimmt der Tieftöner phasenrichtig den Mittenbereich mit. Das ist laut WLM-Entwickler Martin Schützenauer eine Neuentwicklung und lasse den Lautsprecher an Fülle und Kraft gewinnen, da gleiche Anteile von direktem und indirektem Schall über das gesamte Frequenzspektrum verteilt würden, und das bei einem phasenlinearen Verlauf. Die Wiener Lautsprechermanufaktur bietet sogar an, dass der Entwickler den Lautsprecher vor Ort beim Kunden optimal einstellt – das nenne ich Service! Und nun zur Masterfrage: Wie klingt’s?
KlangWie eingangs erwähnt, kann man sich so manchem Lautsprechermodell mit einer anderen als der üblichen Teststrategie annähern. Und die WLM Maria sind schon aufgrund ihrer außerordentlichen Bestückung und ihres aktiven Konzepts keine Standardware. Die mannigfaltigen Einstellmöglichkeiten des internen Verstärkers erlauben zusätzlich auch noch extrem weitreichende Anpassungen an den Raum und/oder den persönlichen Hörgeschmack – und so viel sei verraten: Es lohnt sich, diese Möglichkeiten in aller Tiefe zu nutzen. Im Hörraum der Redaktion mit seinen akustisch gut bedämpften fast 70 Quadratmetern und bei einer Aufstellung knapp zwei Meter von der Rückwand entfernt stellt sich eine leichte Basskonturierung (keine Anhebung der Lautstärke des Bassbereichs) bei nur minimaler Mittenkonturierung und voller Pegel für den AMT als optimale Einstellung heraus. Bevor Sie nun meine nächste Aussage auch nur annähernd als negative solche einordnen, lesen Sie diesen Hörbericht bitte erst bis zum Ende durch. Also: Selbst das aus der (durch Hören ermittelten) Optimierung resultierende Klangbild verläuft nach HiFi-Maßstäben gemessen minimal abseits vom tonal streng neutralen Pfad. Bei rockigen Tönen wie in Foo Fighters „The Sky Is a Neighborhood“ zeigt sich die leichte Vorliebe der Maria für die Mitten, wobei „Vorliebe“ hier mit einer subtilen Betonung und einer anscheinend unendlichen Fähigkeit zur Transparenz zu übersetzen ist: Die Maria entlarvt die „als fettestes Rockalbum aller Zeiten“ angepriesene Platte als Blender, denn tatsächlichen Druck lässt die Scheibe vermissen – es fehlt an echtem (Tief-) Bass, der als tragendes Fundament für eine Cinemascope-Wiedergabe dienen könnte, und genauso an echter Transparenz oder Differenzierung in Mitten und Hochton. Das sitzt, da muss man als Fan der Band auch erst mal schlucken. Mit Musikmaterial, das qualitativ hochwertiger abgemischt und natürlich ausbalanciert ist, oder das den musikalischen Fokus auf Präsenz in diesem Frequenzbereich setzt, stellt sich schon ein sehr, sehr viel ohrenfreundlicheres Resultat dar. Zum Beispiel mit cleaner elektronische Musik, bei der Impulse mit einer deutlich verbesserten Prägnanz dargestellt werden, als ich das von potenziellen Wettbewerbern kenne. Der fast schon sterile Klangmix von Yellos „Toy“, oder die nun erst als individuelles Element im Mix wahrnehmbare Percussion in „Veda“ von The Acid gewinnen merklich an Intimität und Präsenz. Bleiben wir doch bei dieser Aufnahme – weil ich einfach von den Klangbildern, die die WLM Maria dieser Platte entlockt, dermaßen fasziniert bin, dass ich den unglaublich transparenten und detailreichen Entwürfen einer musikalischen Realität weiter lauschen will, die andere Lautsprecher/Verstärker-Kombinationen dieser Preisklasse so selten zu skizzieren in der Lage sind. Die folgenden Titel Lautsprecher 79 „Creeper“ und „Fame“ loten die Enden des Frequenzspektrums bis ins Extrem aus: Die Ausdehnung nach oben und unten ist enorm, und die WLM Maria folgen gehorsam bist fast ans Maximum. Sie bleiben bis zu hohen Pegeln unbeeindruckt selbst von tiefsten und druckvollsten Bässen der elektronischen Art, sie federn und swingen dabei, so dass ein zufällig anwesender Kollege erstaunt die Augenbrauen hochzog. Dabei ist es weniger so, dass der Bass den Raum in Schwingungen versetzen würde oder markerschütternde seismische Reaktionen hervorriefe. Nein, er ist einfach hörbar da, unterfüttert den Rest des Spektrums bedarfsgerecht, so dass ein ausbalanciertes und raumfüllendes Gesamtkunstwerk entsteht. Am anderen Ende des Spektrums passt sich der AMT so nahtlos ins Geschehen ein, dass seine Existenz alsbald in Vergessenheit gerät. Die Menge an Details jedoch, die er aus der Klangkonserve schält, ist beeindruckend. Dazu verteilt er selbst die kleinsten Feinheiten sauber voneinander getrennt in der tiefen Weite und Breite des Raums, so dass sie immer noch individuell identifizierbar bleiben. Und dann: Stimmen! Die Maria lässt Stimmen wie die von Abbey Lincoln auf „Wholly Earth“ unglaublich nah und intim, direkt und echt erscheinen und lenkt den Fokus des klanglichen Geschehens auf die musikalische Präsenz, das inhärente Gefühl. Was will man eigentlich mehr? Und noch ein Punkt, der bei solch relativ zierlichen Lautsprechern sicher direkt zur Sprache kommen dürfte: Kann das Teil Dynamik? Ja, die Dynamikreserven der Maria sind unbedingt ausreichend für Spaß am Hören selbst in größeren Räumen – wenn denn allzu lärmempfindliche Nachbarn außer Haus sind.

Fazit

Ein spannender Lautsprecher mit weitreichenden Abstimmungsmöglichkeiten. Faszinierend musikalisch mit so gut wie jedem Genre, genial insbesondere mit Elektro, Singer-Songwriter und Jazz.

Kategorie: Lautsprecher Stereo

Produkt: Wiener Lautsprecher Manufaktur Maria

Preis: um 18900 Euro


7/2018
Ausstattung & technische Daten 
Paarpreis ab 18.900 Euro (MDF weiß lackiert); 21.900 Euro (Vollholzgehäuse) 
Vertrieb Wiener Lautsprechermanufaktur, Wien 
Telefon +43 664 282 8792 
Internet www.wlm-audio.com 
Garantie 5 Jahre 
H x B x T 98 x 14/19 cm (vorne und hinten / Mitte) x 34 cm 
Gewicht: 35 kg 
Ausführungen MDF, weiß lackiert, Vollholz 
Verstärkerleistung knapp 1.000 Watt pro Seite 
Unterm Strich... Ein spannender Lautsprecher mit weitreichenden Abstimmungsmöglichkeiten. Faszinierend musikalisch mit so gut wie jedem Genre, genial insbesondere mit Elektro, Singer-Songwriter und Jazz. 
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Michael Bruss
Autor Michael Bruss
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Datum 24.07.2018, 14:55 Uhr
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Topthema: Lautsprechersysteme
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ELAC Solano BS 283 im Test

Ihren unaufdringlichen, luftigen und doch hoch aufgelösten Hochton sowie ihren satten, farbigen Bass werde ich nicht vergessen. Ein wunderbarer Lautsprecher.

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Interessante Links:
  • www.hausgeraete-test.de
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