Kategorie: Röhrenverstärker

Einzeltest: Line Magnetic LM845 IA


Eintakt-Röhre mit Dampf

Röhrenverstärker Line Magnetic LM845 IA im Test, Bild 1
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Das hier ist schon der zweite Line Magnetic-845-Vollverstärker, denen wir binnen Jahresfrist präsentieren. Aus gutem Grund: Dieser hier kostet nämlich zweieinhalb mal weniger als der große Bruder.

Dafür gibt’s natürlich Gründe: Der LM845 Premium aus der Ausgabe 1/2022 ist ein 70 Kilogramm schweres zweiteiliges Ungetüm. Er holt wirklich das letzte aus seinen beiden hell leuchtenden Protagonisten (den Endröhren), kostet aber auch 10000 Euro. Der neue LM845 IA hingegen nimmt sich dagegen schon fast bescheiden aus: 35 Kilogramm schwer, 4000 Euro teuer. Verbunden mit dem Versprechen, diesen einzigartigen klanglichen Charme der wirklich großen Trioden vermitteln zu können. Zusammen mit der gewaltigen Western Electric 212 zählt die 845 zu den größten tatsächlich für den Audiobetrieb konstruierten klassischen Röhren. Selbstverständlich als direkt geheizte Triode konzipiert, unterscheidet sie sich in einigen Punkten konstruktiv von den ansonsten gerne in den Audiobetrieb „gezwungenen“ Senderöhren wie 811, 805 oder 211.

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Die 845 braucht für linearen Verstärkerbetrieb nämlich nicht im sogenannten A2-Betrieb gefahren zu werden, bei dem die Röhre nennenswerte Mengen von Gitterstrom konsumiert, was eine entsprechend aufwändige Ansteuerung erfordert. Simpel ist der Job aber trotzdem nicht, weil es erkleckliche Spannungen an das Gitter der großen Triode zu liefern gilt. Deshalb ist zum Beispiel beim LM845 Premium die Ansteuerschaltung gleich dreistufig ausgefallen.   

Bevor wir darüber reden, warum das bei der LM845 IA mit deutlich weniger Technik machbar war, werfen wir jedoch erst einmal einen Blick auf Anmutung und Ausstattung des Gerätes. Die immer noch ziemlich imposante Maschine steckt in einem sehr hochwertig gefertigten und exzellent schwarz-metallicfarben lackierten metallenen Maßanzug. Die gewichtigsten Komponenten sitzen am hinteren Rand des Chassis, nämlich der mittig angeordnete Netztransformator und die beiden Ausgangsübertrager. Beides geriet eine Nummer zivilisierter als beim 845 Premium, was die geringere Ausgangsleistung erklärt: Während das Topmodell fast 30 Watt aus einer 845 kitzelte, sind’s hier nur rund die Hälfte. Was für einen klassischen Single-Ended-Verstärker immer noch eine Menge ist. Das Röhrenensemble sitzt unter einem Metallgitter, das die Finger vor sonst sicheren Brandblasen schützt – die Heizfäden der 845 werden im Betrieb über 1700 Grad heiß und davon kommt oben am Glaskolben noch unangenehm viel an. Überhaupt pumpt der LM845 IA ständig rund 316 Watt in Form von Wärme in die gute Stube, was für eine schön kuschelige Atmosphäre sorgt.   

Auf der gebürsteten Alufront bestimmen zwei Drehknöpfe und ein Zeigerinstrument das Bild. Der rechte Aluknopf schaltet zwischen drei Eingängen und dem reinen Endstufenbetrieb um. Letzter ist für Leute, die das Gerät mit einem separaten Vorverstärker kombinieren möchten. Daneben sitzt der Lautstärkesteller, hinter der Front werkelt ein Alps-Motorpoti. Das Zeigerinstrument dient als VU-Meter und muss wohl, weil’s nur eines davon gibt, mit einem Monosignal beschickt werden. Seine viel wichtigere Funktion ergibt sich allerdings in Verbindung mit den beiden Kippschaltern auf der Gehäuseoberseite. Diese sind jeweils einer Endröhre zugeordnet, haben tatsächliche eine Tastfunktion und dienen in Verbindung mit dem dazugehörigen „Bias Adjust“-Trimmpoti der Ruhestromeinstellung der Endröhren. In dem Zusammenhang sein die beiden anderen Trimmpotis erwähnt: Mit den mit „Hum Balancer“ beschrifteten Einstellmöglichkeiten lässt sich das Heizungspotenzial in Relation zur Signalmasse justieren und damit, so denn überhaupt nötig, das Maß an Brumm im Ausgangssignal. Ich sah keinerlei Notwendigkeit, diese Regler zu betätigen. Kryptisch bleibt die Beschriftung der beiden großen Drehknöpfe: „Line Magnetic Audio – Products Of Five – Imagine Line“. Wenden wir uns noch der Geräterückseite zu: Die vier Eingänge sind über vier Paar ziemlich guter und fest mit dem Gehäuse verschraubter Cinchbuchsen zugänglich, ausgangsseitig gibt’s Polklemmen der Qualitätsklasse „geht so“ für Lautsprecher mit vier, acht und 16 Ohm.   

Bei der Röhrenbestückung sind die beiden außen auf dem Gehäuse angeordneten 845 natürlich die Chefs im Ring. Line Magnetic steckt hier mit eigenem Namen gestempelte Exemplare, die ihren Job offenbar ziemlich gut machen. Im Betrieb argumentieren sich die beiden großen Glaskolben abseits aller klanglichen Aspekte von selbst: Dank ihrer thorierten (also mit schwach radioaktivem Thorium beschichteten) Wolframkathoden leuchten sie wie zwei Nachttischlampen und es möge mir bitte kein Interessent erzählen, das würde bei der Kaufentscheidung keinerlei Rolle spielen. Angesteuert werden die Endröhren von zwei hübschen „Coke Bottle“-Kolben namens 6P3, offenbar aus chinesischer Fertigung. Dabei handelt es sich um eine frühe Beam-Power-Tetrode mit 20 Watt maximaler Anodenverlustleistung, die auch als Endröhre eine gute Figur machen würde. Line Magnetic lehnt sich hier wieder einmal bei Western Electric an, die auch keine Probleme damit hatten, Pentoden oder Tetroden in ihren Verstärkern zu verbauen. Die 6P3 hier läuft zudem im Triodenbetrieb. Eingangsseitig ist pro Kanal eine wiederum Line Magneticgestempelte ECC83 / 12AX7 gesteckt, die für die initiale Spannungsverstärkung zuständig ist. Der Aufbau des Gerätes ist über das Bodenblech zugänglich und offenbart ein ordentliches Bild. Platinen gibt’s nur für diverse Siebelkobatterien, der Signalteil ist frei unter Zuhilfenahme von Lötleisten verdrahtet. Im hinteren Gehäuseteil finden sich zwei ordentlich dimensionierte Siebdrosseln für die Hochspannung. Die Bauteilequalität macht durch die Bank einen guten Eindruck, es gibt sogar diverse Mundorf- Supreme-Koppelkondensatoren und die sehen ziemlich original aus.   

Schrauben wir das gute Stück wieder zusammen, wuchten es nach Hause und lassen uns von ein wenig Single-Ended- Magie verwöhnen. Meine Idee, dem Line Magnetic einen möglichst „artgerechten“ Lautsprecher in Gestalt der ausgezeichneten Thivan Labs-Breitbandbox „Fullrange 10 Mark III“ aus dem letzten Heft anzudienen, erwies sich als genau richtig. Die harmonischste Ehe gingen beide ein, wenn ich die 16-Ohm-Ausgänge des LM845 IA wählte, in diesem Setup passte der durchaus ausdrucksstarke Präsenzbereich des unbeschalteten vietnamesischen Zehnzöllers am besten. Da ist sie, die vielbeschworene Magie der großen Trioden. Wir hören „The Other Side“ des Tord Gustavsen Trios. Klassischer Trio-Jazz ist eine der Domänen solcher Konfigurationen, und das hört man sofort. Jeder Ton strahlt mit Inbrunst, die getupften Schlagzeugbecken haben Farbe und Durchzeichnung, das Klavier Harmonie und Wärme. Alles wirkt lebendig, schnell und engagiert. So klingt Röhre, wenn‘s richtig gemacht ist: aufregend, auch bei ganz kleinen Dingen, stramm, präzise und federleicht. Wunderbar. Beim Bass-Solo des zweiten Titels begeistert der LM845 IA mit einer wunderbar stabilen und kräftigen Gangart, der Einstieg des Klaviers erfolgt ungemein energisch, aber nicht gefühllos. Toll. Diesbezüglich sogar noch beeindruckender: Der Einstieg zu Rickie Lee Jones‘ 2000er Album „It‘s Like This“. Der Kontrabass kommt traumhaft knorrig und stabil, die Gesangsstimme platziert sich hauchzart und räumlich klar davor. Sehr beeindruckend. Und überhaupt: tolles Album, höre ich viel zu selten. Zum Vergleich musste natürlich der bewährte Thivan Labs 811 Anniversary herhalten. Mit der Kraft und der Stabilität des Line Magnetic konnte der Vietnamese nicht ganz mithalten, die Botschaft: „So klingt Tridoe im Eintakbetrieb“ trug er jedoch genauso in die Welt. Mit seiner aktuellen Lin Lai-Röhrenbestückung haucht Frau Jones sogar noch etwas inbrünstiger. Drehen wir noch etwas weiter auf und legen Three Blind Mice-Jazz auf: „Blow Up“ des Isao Suzuki Trios von 1973. Der Line Magnetic serviert das knochentrocken, kümmert sich rührend um die mittenzentrierte und extrem dynamische Klangästhetik dieser Scheibe. Der Thivan hat etwas weniger Kontur und verleiht dem Klavier vielleicht eine Spur mehr Wärme. Geschmackssache. Der Line Magnetic beeeindruckt mit seiner Unnachgiebigkeit, die er auch an etwas weniger extremen Lautsprechern zeigt. Er kann auch groß und voluminös, spielt stets rhythmisch überzeugend und kann auch einfach schön, wie Pat Metheney und Lyle Mays eindrucksvoll beweisen.

Fazit

Die Kraft, der Rhythmus, die Disziplin, das Gespür für klangliche Schönheit: Der Faszination kräftiger Eintakt-Röhrenverstärker kann man sich kaum entziehen, und dieser hier ist ein Paradebeispiel dafür.

Preis: um 4000 Euro

Line Magnetic LM845 IA

06/2022 - Holger Barske

 
Ausstattung & technische Daten 
Vertrieb IAD, Korschenbroich 
Telefon 02161 617830 
Internet www.iad-audio.de 
Garantie (in Jahre) 2 Jahre 
B x H x T (in mm) 430/250/365 
Gewicht (in Kg) 35 
Untern Strich ... » Die Kraft, der Rhythmus, die Disziplin, das Gespür für klangliche Schönheit: Der Faszination kräftiger Eintakt-Röhrenverstärker kann man sich kaum entziehen, und dieser hier ist ein Paradebeispiel dafür. 
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Holger Barske
Autor Holger Barske
Kontakt E-Mail
Datum 10.06.2022, 09:55 Uhr
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