Kategorie: Vollverstärker

Einzeltest: Prima Luna Dialogue Two


Ansteigende Formkurve

Vollverstärker Prima Luna Dialogue Two im Test, Bild 1
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Für Gitarristen gibt es seit längerer Zeit ausgefeilte Schaltungen, so genannte Emulatoren, die auf Knopfdruck den Klang verschiedenster Gitarrenverstärker erzeugen können, und das ziemlich überzeugend. So etwas sollte es auch für die heimische Stereoanlage geben, meinen Sie? Und das ganz ohne Digitaltechnik? Gibt es ...

So mühelos wie es aussieht, ahnt man gar nicht, dass es unheimlicher Anstrengung und Planung bedurft hat, bis es endlich ein Röhrenverstärkerhersteller geschafft hat, ein zweckmäßiges und gleichzeitig formal ansprechendes Schutzgitter für die frei stehenden heißen Glaskolben zu erschaffen. Aber Scherz beiseite: Die wunderbar gestaltete Abdeckung ist tatsächlich das Erste, was beim Prima Luna Dialogue Two auffällt: Zwei Metallbögen an den Seiten des klassischen Pultgehäuses tragen in regelmäßigen Abständen Querstreben und bilden so insgesamt ein elegant geschwungenes Dach bis hin zur Höhe der Abdeckungen über den Transformatoren.

Vollverstärker Prima Luna Dialogue Two im Test, Bild 2Vollverstärker Prima Luna Dialogue Two im Test, Bild 3Vollverstärker Prima Luna Dialogue Two im Test, Bild 4Vollverstärker Prima Luna Dialogue Two im Test, Bild 5Vollverstärker Prima Luna Dialogue Two im Test, Bild 6Vollverstärker Prima Luna Dialogue Two im Test, Bild 7Vollverstärker Prima Luna Dialogue Two im Test, Bild 8Vollverstärker Prima Luna Dialogue Two im Test, Bild 9Vollverstärker Prima Luna Dialogue Two im Test, Bild 10Vollverstärker Prima Luna Dialogue Two im Test, Bild 11
Seitlich gibt es sogar Scheiben! Querstreben machen übrigens nicht dick, auch wenn man das auf den zweiten Blick vermuten könnte, nein, Prima Luna verwendet statt der verbreiteten EL-34-Endröhren die größeren KT88 mit einem deutlich dickeren Kolben. Prima Luna - da war doch schon mal etwas? Richtig, in Ausgabe 2/2007 haben wir schon einmal Geräte des Herstellers getestet - damals war dies eine schnuckelige kleine Vollröhren-Vor-Endverstärker- Kombination, die durch exzellente Messwerte, hervorragende Verarbeitung und nicht zuletzt durch ihre wunderbar leichtfüßige Art zu musizieren überzeugt hatten. Die beiden preislich sehr interessanten, nein, ausgesprochen billigen Geräte stammen aus der Prologue-Serie, während wir uns heute mit einem Vollverstärker aus der in der Nomenklatur Prima Lunas höher angesiedelten Dialogue-Serie befassen. Aus dieser Serie gibt es zwei Exemplare, einmal den Dialogue One, einen optisch fast identischen Vollverstärker mit EL-34- Bestückung in der Endstufe und unser Testgerät, den Dialogue Two, der neben den wuchtigeren KT88 noch über qualitativ hochwertigere Solen-Kondensatoren und ultraschnelle Dioden als Gleichrichter verfügt. Das Gerät wird - ein Blick auf das Preisschild verrät‘s - in China gefertigt, 2.400 Euro sind für die gebotene Qualität sicher nicht zuviel. Die Entwicklung des Geräts fand allerdings in Holland statt, wo Prima Luna auch ihren Firmensitz haben und nach wie vor die komplette Gerätekonzeption, -veredelung und Endkontrolle abwickeln. Um sich vom asiatischen fernöstlichen Produzenten nicht allzu tief in die Karten schielen zu lassen, wird vor allem die einzigartige Autobias-Schaltung erst in europäischen Gefilden nachgerüstet - umständliche Ruhestromeinstellungen durch den Benutzer beziehungsweise der Servicestelle seines Vertrauens gehören damit der Vergangenheit an. Die mikroprozessorgesteuerte Biassteuerung ermöglicht auch die nahezu völlig freie Auswahl unter den unterschiedlichsten Endröhrentypen, wie KT88, KT66, 6L6, EL34 um nur einige zu nennen. Zu guter Letzt lässt sich so auch die Betriebsart des Verstärkers vom voreingestellten Ultralinear auf Triodenbetrieb umschalten, und das bequem per Fernbedienung im laufenden Programm, ohne jegliche Gefahr für die angeschlossenen Lautsprecher. Eine ebenfalls elektronisch kontrollierte Softstart-Funktion lässt die Röhren nach dem Einschalten langsam hochfahren. Die Vorverstärkung erledigen zwei 12AX7, in der Treiberstufe sitzen 12AU7 - für diese Typen gibt der Hersteller eine Lebensdauer von einigen Tausend Stunden an. Eine oft kostenintensive Fehlerquelle sind bei Röhrenamps „durchgehende“ Endröhren, die nur zu gerne noch weite Teile der umgebenden Elektronik mit ins Grab nehmen - beim Prima Luna brennt in einem solchen Fall nur die so genannte Gittersicherung durch, diese muss zusammen mit der Röhre getauscht werden, und weiter geht’s. Einige sinnvolle und vor allem enorm praktische Erweiterungen der an sich ja schon lange bewährten Röhrenschaltung. Aber auch bei den traditionelleren Bestandteilen hat man sich nicht auf die Regale der Zulieferer verlassen, sondern selbst Hand angelegt - beim äußerst potenten Ringkern-Netztransformator unter Zuhilfenahme eines amerikanischen Trafo-Spezialisten. Auch in die Ausgangsübertrager hat man einiges an Gehirnschmalz und Material investiert - Lohn der Mühe ist ein für einen Röhrenverstärker außergewöhnlich breites Übertragungsspektrum bis weit in den Superhochtonbereich hinein - der -3-dB-Punkt liegt jenseits der 50-Kilohertz-Marke, hier haben sich schon weitaus teurere Geräte deutlich schlechter präsentiert. Eingangsseitig bietet der Dialogue Two ingsesamt fünf normalen Hochpegelquellen Anschluss - für den moderaten Aufpreis von 150 Euro lässt sich einer der Eingänge in einen MM-Phonozweig mit 42 Dezibel Vertstärkung verwandeln - die zusätzlich eingelötete Platine ist dann freilich in Halbleitertechnik ausgeführt. Ein sechster Hochpegeleingang trägt die Bezeichnung HT und ein warnendes „Caution“-Schildchen. Das Rätselraten um die Abkürzung „HT“ (Hochtöner?) findet sein Ende durch die Bedienungsanleitung: Mit diesem nicht lautstärkegeregelten, direkt zur Endstufe durchgeschleiften Eingang wird der Dialogue Two zur reinen Endstufe - interessant unter anderem für den Betrieb im Heimkino (HT = Home Theater), wo der Prima Luna dann quasi als Edel-Leistungsverstärker für die beiden Frontkanäle fungieren soll. Für den, der‘s braucht, sicher eine praktische Sache ... Technologietypisch sind die beiden Abgriffe an den Ausgangsübertragern für Lautsprecher mit 4 und 8 Ohm Nennimpedanz. Die Lautsprecherterminals sind wie die Cinchbuchsen sehr solide ausgeführt, für optimale Kontaktsicherheit alles vergoldet. Die beiden frontseitigen Bedienelemente zur Lautstärkeregelung und Kanalwahl sind Vertrauen erweckend, das Volumepoti stammt von Alps. Die formal sehr gelungene Fernbedienung aus Metall erlaubt die Kanalanwahl, Lautstärkeregelung und Mute sowie das Umschalten zwischen dem Ultralinear- und dem Triodenbetrieb. Neben der äußerst elegaten Röhrenabdeckung verdient auch das Finish des Prima Luna Applaus - die lackierten Oberflächen sind wirklich perfekt gelungen. Im Fertigungsprozess werden auch nicht weniger als fünf Schichten Lack aufgetragen - die jede einzeln noch einmal per Hand nachpoliert werden. Innen wie außen also ein äußerst sauber gemachtes Gerät mit einem fantastischen Fertigungsniveau und ein paar blitzgescheiten Ideen an den richtigen Stellen - das macht Mut für den Hörtest und gibt dem Tester zusätzlich Kraft, wenn es darum geht, die 29 Kilogramm Lebendgewicht des kompakten Verstärkers vom Messlabor in den Hörraum zu schleppen, vor allem, wenn dieser Hörraum fernab des Verlagsgebäudes liegt - den Weg zum Auto, vom Auto, eine Treppe hoch, eine Treppe herunter dazwischen, mein Rücken ... Zuhause muss ich erst einmal mit dem Prima Luna in den Händen stehenbleiben, um den Damen des Hauses genügend Zeit zur Bewunderung des eleganten Verstärkers zu geben - nur ein kleiner Tipp an die Herren … Auf den Hörtest war ich natürlich besonders gespannt, hatte doch der Magnat RV 1, den ich zuerst in der Mangel hatte, schon einen sehr positiven Eindruck hinterlassen - der Prima Luna hat ja auch ein ganz ähnliches Endstufenkonzept. Trotzdem - sei es die andere Röhrenbestückung, sei es ein beabsichtigtes Sounddesign: Der Prima Luna verfolgt ganz eigene Klangvorstellungen. Im Ultralinearbetrieb entfacht er vom Start weg ein richtiges Klangfeuerwerk, wuchtig, opulent, farbenprächtig. So macht das gleich einmal richtig Spaß! Nach einigen Plattenseiten hemmungslosen Musikgenuss meldet sich dann doch meine analytische Seite, die die ganze Pracht dann doch einmal hinterfragen möchte. Geht das Wuchern mit den Klangfarben auf Kosten einzelner Frequenzbereiche? Nein, die tiefsten Bässe sind genauso präsent wie die feinsten Hochtonglanzlichter, man kann dem Prima Luna allenfalls eine ganz leichte Bevorzugung des sehr satten Bass- und Grundtonbereichs vorwerfen - deutlich hörbar beispielsweise an Mark Knopfler von den Dire Straits, dessen sonore Stimme der Dialogue Two sehr schön herausstellt. Wechselt man die Endröhrenbestückung auf EL34, was ja durch die Autobias-Schaltung zum Kinderspiel wird, dann macht der Prima Luna einen deutlichen Schritt in Richtung Klarheit und Trockenheit, Mark Knopfler klingt auf einmal etwas schlanker (war er ja zu Zeiten der „Communiqué“ auch), auf einmal steht mehr die raue Kehligkeit seines Gesangs im Mittelpunkt. In dieser Bestückung klingen übrigens der Prima Luna und der Magnat fast identisch - die Röhrentypen machen eben doch einiges aus. Zurück zur KT88 - wir sind ja noch nicht fertig mit der Suche nach eventuellen Fehlern des farbenprächtigen Dialogue Two. Um es kurz zu machen: Er hat keine Schwächen. Sicher, wenn ich jetzt einen aufwendigen und viel teureren Verstärker daneben stelle, dann werde ich auch die Grenzen des Prima Luna erkennen. Nehme ich den hübschen und ausgesprochen bezahlbaren Verstärker jedoch für sich, dann belohnt er mich mit einer exakten Räumlichkeit mit einer Extraportion Flair - er begnügt sich nämlich nicht mit der in Tiefe wie Breite recht groß dimensionierten Bühne und einer exakten Aufstellung der Musiker, nein, er scheint den abgebildeten Raum bis in die hinterste Ecke mit Atmosphäre zu füllen - Musik zum Anfassen. Dynamisch packt er ohnehin beherzt zu, nur brachiale Dynamiksprünge an den Leistungsgrenzen rundet er irgendwann ab - das ist aber röhrentypisch und nicht dem Gerät anzulasten. Apropos röhrentypisch: Auch der Freund des klassischen Röhrensounds kommt beim Prima Luna auf seine Kosten: Per Ferbedienung schaltet man einfach in den Triodenbetrieb um und hat auf einmal einen Verstärker mit einem ganz anderen Charakter: Feinzeichend, subtil und sanft, fast ein bisschen ätherisch umschmeicheln die Wahl-Trioden den Hörer, alles wirkt etwas feiner und fragiler, aber auch höchst elegant und angenehm. Sicherlich ist diese Betriebsart nicht für alle Musikrichtungen die erste Wahl, aber gerade für ruhige, überwiegend akustisch erzeugte Musikstücke ist die intime Atmosphäre des klassischen Triodenbetriebs ein absoluter Volltreffer.

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Fazit

Was will man mehr: Ein kraftvoller, spielfreudiger Vollröhrenverstärker, der sich vom Sofa aus in einen subtilen Feingeist verwandeln lässt. Genügen diese Möglichkeiten immer noch nicht, dann wechselt man ohne weitere Einstellarbeiten die Röhren und erhält damit in einem Gehäuse unzählige Verstärkcharakteristika, die allesamt hervorragend klingen.

Preis: um 2400 Euro

Vollverstärker

Prima Luna Dialogue Two


11/2009 - Thomas Schmidt

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Thomas Schmidt
Autor Thomas Schmidt
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Datum 12.11.2009, 10:41 Uhr
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