Kategorie: Schallplatte

Musikrezension: Komponist: Ludwig van Beethoven / Interpreten: Bayerisches Staatsorchester, Carlos Kleiber - Symphonien No. 4, 6, 7 (Orfeo)


Komponist: Ludwig van Beethoven / Interpreten: Bayerisches Staatsorchester, Carlos Kleiber - Symphonien No. 4, 6, 7

Schallplatte Komponist: Ludwig van Beethoven / Interpreten: Bayerisches Staatsorchester, Carlos Kleiber - Symphonien No. 4, 6, 7 (Orfeo) im Test, Bild 1
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Viel ist es nicht, was er auf Tonträger hinterlassen hat, der heute schon, gut zehn Jahre nach seinem Tod, sagenumwobene Carlos Kleiber. Aber  das mit dem Sagenumwoben galt ja eigentlich auch schon zu seinen Lebzeiten. Was und wer ihn bewegt hat, das können uns auch seine engsten  Weggefährten nicht sagen, denn es gab wohl kaum einen Menschen, der sich je ein komplettes Bild von Kleiber hätte machen können. Interessante  Einblicke liefert übrigens der Dokumentarfilm „Carlos Kleiber – Traces to Nowhere“, dessen Titel es ganz gut trifft und der anhand zahlreicher Interviews Deutungsversuche anbietet, ohne endgültige Antworten liefern zu können und zu wollen. Was der Nachwelt von der Person Kleibers bleibt, sind zahlreiche mehr oder weniger amüsante Anekdoten aus dem Leben und Wirken des öffentlichkeitsscheuen und so perfektionistischen Dirigenten, die ein bisschen erklären können, warum es nur so wenige nachgelassene Aufzeichnungen  von ihm gibt.  Momentan scheint es aber Bemühungen zu geben, zumindest das vorhandene Material in verschiedenen Editionen zu veröffentlichen.

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Eine davon  ist die Beethoven-Box von Orfeo, die sich dreier Live-Aufnahmen Kleibers annimmt, die in den Jahren 1982 und 1983 entstanden sind.  Die vierte, sechste und siebte Symphonie Ludwig van Beethovens stehen auf dem Programm. Die geradzahligen Symphonien Beethovens führen ja heutzutage  gemeinhin ein Schattendasein gegenüber ihren ungeradzahligen Schwestern –  zu Unrecht, wie uns Kleiber gleich zu Beginn verdeutlicht. Und wie er das tut: Eine derart in absolute Disziplin verpackte und jederzeit zur Eruption  bereite Leidenschaft hatten wohl nur Orchester unter Carlos Kleiber. Mögen andere Dirigenten andere Meriten haben – die Bedingungslosigkeit  Kleibers am Pult hatte keiner von ihnen. Und so stellt diese Live-Aufnahme die vierte Symphonie auf den Sockel, den die sie flankierende Dritte und  Fünfte schon länger besetzen.  Unter dem Dirigat Kleibers fällt zudem auf, dass die Vierte zahlreiche Züge der siebten Symphonie vorwegnimmt, gerade im ersten Satz, der in  seiner Unruhe und Leidenschaftlichkeit vom ersten bis zum letzten Takt hoch spannend bleibt.  Die siebte Symphonie stößt in dasselbe Horn. Auch, wenn der Klangkörper im großen internationalen Vergleich niemals in der ersten Garde auftaucht: Unter Kleiber läuft das Bayerische Staatsorchester zu einer ganz großen Form auf. Vielleicht nicht in Sachen klanglicher Opulenz und epi- scher Breite wie die Wiener oder Berliner Philharmoniker, dafür mit einer technischen Brillanz und Leidenschaft, die alle anderen Aufnahmen des  Werkes im wahrsten Sinne des Wortes blass aussehen lassen. Selten einmal hat man so eine rasante Siebte gehört wie in dieser Liveaufnahme – das  berühmte Wort von der „Apotheose des Tanzes“ wird hier wahr, wo anderswo dann doch eher ein Trauermarsch aus dem zweiten Satz wird. Dieser  Beethoven ist absolut auf den Punkt gebracht! Eine besondere technische Herausforderung war das Remastering der sechsten Symphonie, gab es doch als einzige überlieferte Quelle eine Kompaktkassette(!) aus der privaten Sammlung eines der Tontechniker. An dieser Stelle zolle ich den Toningenieuren höchsten Respekt, denn trotz der  Schwächen des Ausgangsmaterials haben sie auch hier eine Bestleistung abgeliefert. Die Balance im Orchester ist eine etwas andere als bei den  anderen beiden Symphonien und einige Feinheiten bleiben auf der Strecke – zugegeben. Aber was hier musikalisch an Feuerwerken abgebrannt  wird, ist einmalig. Kleiber hält sich an die flotten beethovenschen Originaltempi und bereitet der üblichen Land-Idylle den Garaus – hier wird gelebt,  gearbeitet und gefeiert, und das mal richtig im vollen Saft der Lebensfreude! Auch hier agiert das Orchester mit stupender Technik – man merkt  jedem einzelnen Musiker an, dass bei aller Quälerei in den Proben „ihr“ Mastro am Pult steht, der Mann, der bei dieser, seiner einzigen Pastorale  komplett unter Strom zu stehen scheint. Sogar das Münchner Publikum braucht nach dem letzten Satz ein paar Momente, bis es realisiert hat, dass  der Rausch vorbei ist – frenetischer Applaus.  Bis auf die angesprochenen Schwachstellen beim Original-Material der sechsten Symphonie ist diese Kompilation technisch sehr gut gelungen –  man muss sich an die Raumakustik einen Moment lang gewöhnen, während das Orchester sehr lebendig und greifbar klingt. Die Pressqualität ist  einwandfrei, das Informationsmaterial sehr gut gemacht. 

Fazit

Alle nachgelassenen Aufnahmen mit Carlos Kleiber sind etwas Besonderes, schon durch ihre Seltenheit. Diese Beethoven-Edition mit dem Bayerischen Staatorchester ist in ihrer Lebendigkeit und Leidenschaft eine der wichtigsten und endgültigsten Deutungen eines großen Komponisten durch einen großen Dirigenten.

Schallplatte

Komponist: Ludwig van Beethoven / Interpreten: Bayerisches Staatsorchester, Carlos Kleiber - Symphonien No. 4, 6, 7 (Orfeo)


02/2016 - Thomas Schmidt

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