Kategorie: Vintage Hifi

Klang+Ton Vintage: Sony APM-77W


Das Eckige muss in das Eckige

Vintage Hifi Sony APM-77W im Test, Bild 1
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Alle, die sich schon seit den frühen 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Hifi und der entsprechenden Berichterstattung in den Fachmagazinen beschäftigt haben, können sich an die außergewöhnlichen Sony-Lautsprecher mit den einzigartigen quadratischen Chassis erinnern – wir konnten jetzt ein funktionsfähiges Paar zum Test bekommen.

Und das ist keine Selbstverständlichkeit, denn die Lautsprecher haben ein Problem, das normalerweise recht leicht lösbar ist, im Falle der Sony-APM-Boxen aber zur existentiellen Bedrohung wird: Sich auflösende Schaumstoffsicken. Normalerweise gibt es diese als Ersatzteile für so gut wie jedes Lautsprecherchassis der Welt – nur eben nicht für quadratische. Das heißt: Ab und zu tauchen auf Ebay welche auf und dann muss man eben zuschlagen. Nun, Nick Baur von Blue Planet Acoustic, der sich die alten Sony-Schätzchen an Land ziehen konnte, hatte die nötige Geduld mit dem beauftragten Reparaturdienst und konnte die Boxen nach Jahresfrist wieder instand gesetzt in Empfang nehmen und uns zur Verfügung stellen.   

Sony mag den meisten unter uns nicht in erster Linie als Lautsprecherhersteller ein Begriff sein. Aber das liegt nicht daran, dass sie in dem Bereich untätig gewesen wären, sondern vielmehr daran, dass eben ganz viele andere Sony- Gerätegattungen und Innovationen die Lautsprechersparte einfach immer etwas überschattet haben.

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Gerade in den 70er und 80er-Jahren hatte Sony doch einiges an außergewöhnlichen und innovativen Boxen im Sortiment, während man später die Entwicklung im hochwertigen Segment gerne ausgelagert hat und gerade für den europäischen Markt Entwickler und Chassishersteller vor Ort beauftragt hat. Zurück aber zu den APM-77, die zum Zeitpunkt ihres Erscheinens für einiges an Aufsehen gesorgt haben dürften. Klar hatte zu dieser Zeit, Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre schon der eine oder andere Hersteller damit angefangen, High-Tech-Treiber zu bauen und vor allem im Hochtonbereich Treiber jenseits der bekannten Kalotten und Konuschassis einzusetzen. Ich denke da vor allem an Infinity, die zu dieser Zeit ja der Vorreiter in Sachen Folienhochtöner waren. Aber quadratische Treiber bis hinunter in den Bassbereich?  

Technik


Nun, das war auf jeden Fall neu – vor allem, wenn man sich den Tieföner einmal von hinten betrachtet, der insgesamt vier Antriebe besitzt. Genau genommen sitzen hinter der quadratischen Membran die Magnete, Schwingspulen und Zentrierspinnen von vier kleineren Chassis. Zentral gibt es dann noch eine weitere Zentrierspinne, die für zusätzliche Stabilität sorgt. Die Schwingspulen sind parallel geschaltet und ergeben zusammen einen 4-Ohm-Treiber. Die Membran selbst ist dreischichtig aufgebaut: Es gibt eine Trägerschicht mit einer wabenartigen Struktur, eine dämpfende Zwischenschicht und schließlich die hauchdünne Alumniumfolie nach vorne. Die schallabstrahlende Fläche entspricht der eines 12-Zoll-Tieftöners, dem das Sony-Chassis durch die flache Membran, die quasi „vollflächig“ angetrieben wird in Sachen Verwindungssteifigkeit deutlich überlegen ist. Der Mittel- und der Hochtöner sind dagegen fast schon konventionell aufgebaut: Sie besitzen jeweils nur eine Schwingspule, die in der Mitte an die quadratischen Membranen andockt. Diese besitzen im Gegensatz zum Tieftöner eine Schicht aus Kohlefaser, die die bewegte Masse noch einmal reduziert. Das kann man vor allem an der Frequenzgangmessung erkennen: Während die handelsüblichen japanischen 30-Millimeter-Kalotten der damaligen Zeit wenn überhaupt, dann nur mit Ach und Krach die 20-Kilohertz- Marke erreichten, spielt der Sony-Hochtöner mal eben locker über 30 Kilohertz bei vollem Pegel!   

Gehäuse


Die Treiber sind in ein für die damalige Zeit typisches Gehäuse im Monitor-Stil eingebaut. Die 65 Liter netto sind nicht mehr ganz kompakt unterzubringen, so dass sich auch ein Eigengewicht von etwa 32 Kilogramm ergibt. Das konsequenterweise rechteckige Reflexrohr ist im Inneren mit einem Knick geführt, um die erforderliche Länge zu erreichen Über die originale Bedämpfung kann ich wenig berichten – das Service Manual spricht hier von Mineralfaser. Am Furnier können wir erkennen, dass es sich um die zweite Version der APM- 77 handelt, die den Zusatz „W“ für Wood trägt – die erste Version hat eine etwas billig anmutende Gehäusebeschichtung getragen. Die Bespannrahmen seien der Vollständigkeit halber erwähnt – ich denke nicht, dass irgend jemand, der diesen Klassiker heute noch betreibt, die Chassis verstecken möchte.   

Frequenzweiche


Der Blick ins Innere der Box suggeriert im ersten Moment eine unglaublich aufwendige Frequenzweiche: Zweiteilig aufgebaut und mit einer schier unermesslichen Anzahl von Bauteilen. Das relativiert sich schon auf den zweiten Blick, denn hier hat man lediglich aus sehr vielen verschiedenen Kondensatoren die benötigten krummen Werte zusammenkombiniert – nun ja. Der Tieftöner hat ein Tiefpassfilter zweiter Ordnung, während in kleiner Kondensator direkt parallel zu den Schwingspulen die Membranresonanz dämpft.

Vintage Hifi Sony APM-77W im Test, Bild 3
Der kohlefaserbeschichtete Mitteltöner entpricht von der Fläche her einer 60-Millimeter-Kalotte
Der Mitteltöner steigt mit einem Filter zweiter Ordnung bei 700 Hertz ins Geschehen ein. Hier gibt es eine Besonder heit: Das Hochpassfilter „umschließt“ das Tiefpassfilter dritter Ordnung – so ergibt sich der linearste Verlauf. Analog zum Tiefpassfilter des Mitteltöners wird der Hochtöner bei etwa 4000 Hertz über ein 18-dB-Filter eingeblendet. Mittel- und Hochtöner können im Pegel mit entsprechenden L-Pads um bis zu 50 Dezibel abgesenkt werden – wofür immer ein solch extremer Wert gut sein soll. Die beiden folgenden Diagramme zeigen jeweils den Effekt bei auf 9 Uhr zurückgedrehten Reglern.
Vintage Hifi Sony APM-77W im Test, Bild 8
Textdiagramm: Höhenregler
 
Vintage Hifi Sony APM-77W im Test, Bild 9
Textdiagramm: Mittenregler



Messwerte


Für Verblüffung sorgt dann der Messparcours auf unserem Stapler. Das einzige, was man der Box ankreiden könnte, ist die leichte Mitteltonbetonung auf Achse bei der Trennfrequenz zwischen Tief- und Mitteltöner, die aber unter Winkeln verschwindet, so dass ich auch hier davon ausgehe, dass man damals sehr gut wusste, was man da tut. Und schließlich kann man den Mitteltonbereich auch noch ein bisschen anpassen, siehe oben. Ansonsten gibt es echten Tiefbass genau so wie einen ausgedehnten Hochtonbereich und ein gutes und gleichmäßiges Rundstrahlverhalten. In Sachen Klirr verhält sich die APM-77 genau so vorbildlich wie bei den Resonanzen: Das Wasserfalldiagramm ist fast perfekt.   

Klang


Auf den zeitgenössisch-passenden Ständern, auf denen die Boxen leicht nach hinten geneigt etwa 20 Zentimeter über dem Boden stehen, machen die Sonys eine gute Figur – das ist fast schon ein bisschen Science-Fiction im Hörraum. Ganz klar stabil von dieser Welt ist der Klang der beiden APM-77: Sie liefern einen druckvollen und präzisen Bass, einen vielleicht etwas zu „großen“ Grundtonbereich mit angenehm im Vordergrund stehenden Stimmen und einem eher wohldosierten und immer angenehmen Hochton. Ganz klar: Ein paar alte Boxen, mit denen man alt werden kann. Da sie mir nicht gehören, habe ich mich bei der Lautstärke etwas zurückgehalten, aber die beiden großen Monitore blieben bis hin zu durchaus respektablen Pegeln hin kontrolliert und dynamisch. Die Tonalität und räumliche Abbildung ist bei allen Anforderungen dabei absolut stabil geblieben.  

Kaufberatung


Lust auf eine Sony APM-77 oder ähnliche bekommen? Nun, ich hoffe, ich habe Ihnen nicht zu lange Zähne gemacht, denn das Angebot ist begrenzt. Im Gegensatz zu den lange gebauten und sehr populären Yamaha-Monitoren ähnlicher Größe, wurden von den Sony- Boxen schon wegen des damals exorbitanten Preises nicht sehr viele verkauft und vermutlich sind davon auch etliche wegen der Sickenproblematik verschrottet worden, auch wenn es schwer ist, sich das vorzustellen. Eine oberflächliche „Marktanalyse“ zeigt, dass man, wenn man bereit ist, das Reparaturrisiko einzugehen, ab etwa 1000 Euro dabei ist, wobei funktionsfähige Paare gerne mal das Doppelte und mehr kosten.

Fazit

Die Sony APM-77W ist eine nicht nur exotische und seltene, sondern auch eine wirklich außerordentlich gute Vintage-Box, die allerdings ihren Preis hat.

Kategorie: Vintage Hifi

Produkt: Sony APM-77W

Stückpreis: um 1000 Euro

6/2023

Eine wirklich außerordentlich gute Vintage-Box, die allerdings ihren Preis hat.

Sony APM-77W

6/2023

Sony APM-77W
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Ausstattung & technische Daten 
Technische Daten:
Hersteller: Sony 
Konstruktion: Sony 
Funktionsprinzip: Bassreflex 
Bestückung: 1x Sony Woofer, 1x Sony Midrange, 1x Sony Tweeter 
Nennimpedanz: 4 Ohm 
Kennschalldruckpegel 2,83V/1m: 90dB / 2,83V / 1m 
Abmessungen (HxBxT): 74,5 x 40,5 x 32,5 cm 
Kosten pro Stück: ab 1000 Euro 
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Autor Thomas Schmidt
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Datum 09.06.2023, 10:03 Uhr
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