Kategorie: Endstufen

Einzeltest: Silvercore The Collector’s Edition


Der Traum jedes Röhrensammlers

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Mit der „Collector’s Edition“ präsentiert der kleine, aber feine Leipziger Hersteller Silvercore eine Reihe von Röhrenverstärkern wie keine anderen auf dem Markt. Ihre größte Besonderheit: jede Menge Transistoren

Wie bitte? Halbleiter? In einer Röhrenendstufe? Bleib mir weg mit diesen „dreibeinigen Sicherungen“! Gemach. So einfach ist das hier nicht. Weil: Die Collector’s Edition-Verstärker sind Konstruktionen, die dazu dienen, den ältesten, seltensten und schwächlichsten Röhren eine Arbeitsumgebung zur Verfügung zu stellen, die es ermöglicht, sinnvoll damit Musik zu hören. Und das ohne die teils sündteuren Preziosen bis an ihre Grenzen zu belasten und ihre Lebensdauer unnötig zu verkürzen. Trotzdem soll dabei der ganz eigene Sound jedes einzelnen „Schätzchens“ erhalten bleiben und hörbar gemacht werden, und das sogar an zumindest halbwegs „normalen“ Lautsprechern.

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Sie meinen, das klingt nach Zauberei? Ist es auch irgendwie, und neben Firmeneigner Christof Kraus haben gleich eine ganze Reihe extrem kluger Köpfe aus der Röhrenszene viel Hirnschmalz investiert, um diese Art von „Exoskelett für Röhren“ zu ermöglichen. Wir reden von so illustren Zeitgenossen wie der amerikanischstämmigen Konstrukteurslegende Jean Christophe Morrison und dem Koreaner Dr. Stefano Bae, seines Zeichens Geschäftsführer und Chefentwickler bei Silbatone Audio. Ja, genau, die, die auf der High End in München vor vollem Haus immer zeigen, wie großartig Musikwiedergabe einmal war.

Mit rund 20000 Euro ist unsere Variante der Collector’s Edition wahrlich nicht billig, aber er ist auch eine einmalige Gelegenheit für ganz besondere Leute. Nämlich für solche, die Trioden jenseits der allgegenwärtigen 300B im Regal liegen haben. Jeder dieser Verstärker wird eigens für seinen Einsatzzweck gebaut. Es gibt eine mit 7500 Euro deutlich günstigere Version, die für die weit verbreitete 2A3 gedacht ist und bei der im Eingang ein „Sleeper“-Typ zum Einsatz kommt, den ich nach Möglicheit nicht nennen soll. „Sleeper“ sind nämlich für Audiozwecke spannende Röhren, die noch keiner so recht auf dem Radar hat und die noch entsprechend günstig zu bekommen sind. Unsere Collector’s Edition ist allerdings für einen ganz anderen Typ von Röhren gedacht, nämlich die frühen europäischen Poströhren, die etwa zwischen 1928 und 1940 das Licht der Welt erblickten, allen voran die berühmte RE 604 und ihre Derivate. Mit der RE 604 lassen sich unter üblichen Voraussetzungen so knapp zwei Watt „Sprechleistung“ realisieren, was die Art und Anzahl der dazu passenden Lautsprecher doch ziemlich einschränkt. In der der Collector’s Edition sind mit der Röhre in etwa 13 bis 15 Watt zur machen – das sieht doch schon ganz anders aus. Die eingangsseitige Spannungsverstärkung sollte natürlich stilecht sein und dazu passen.

Christof Kraus legt diesen Job in die Hände einer sehr einfachen Schaltung auf Basis einer REN 904, die auf eine große Drossel im Kathodenzweig arbeitet. Vorgeschaltet ist ein sorgsam geschirmter Eingangsübertrager mit Silberwicklungen. Diese Anordnung liefert genug Spannung, um der RE 604 auf die Sprünge zu helfen. Als Telefunken diese Röhren in Europa populär machte, entstanden eine ganze Reihe vergleichbarer Typen, die alle auf die so genanten „Europasockel“ setzten. Das waren vierpolige (für die größeren, direkt geheizten) und fünfpolige (für indirekt geheizte Röhren, die brauchten einen Pin mehr) Anschlusstypen, die eine Zeitlang sehr populär waren. Zudem hatte sich bei diesen „Europaröhren“ eine Heizspannung von vier Volt durchgesetzt. Die Collector’s Edition stellt ein Paar Fassungen für fünfpolige Eingangs- und eines für vierpolige Endröhren zur Verfügung, alle werden mit vier Volt beheizt. Allein für die Vorröhren finde ich auf die Schnelle 25 verschiedene Typen, bei der Endröhre sind es nicht viel weniger. Diese Erzeugnisse aus der Frühzeit der Elektronik sind, obschon in Millionenstückzahlen produziert, heute rares Sammlergut und für eine gute RE 604 werden gerne schon mal 500 Euro fällig. Auch eine ganze Reihe von Siemens-Klangfilm- Röhren fallen in dieses Raster. Diese sind, auch wenn sie eigentlich bei Telefunken produziert wurden, automatisch unbezahlbar.

Um die sensiblen und nicht eben kräftigen Kerlchen sinnvoll betreiben zu können, ersannen die konstruierenden Herren eine trickreiche Schaltung, die der Röhre einen Transistor – in diesem Falle einen Mosfet – parallel schaltet. Das ganze „reitet“ auf einer ebenfalls mit Halbleitern realisierten Konstantstromquelle, die einen fest eingestellten Strom durch die Parallelschaltung treibt. Die Röhre wird dabei so angesteuert, dass sie nur maximal 20 Milliampère davon abbekommt, den Rest übernimmt der parallel arbeitende Transistor. Die Röhre bestimmt dabei aber die Spannung über dem Transistor und damit den Signalpegel. Auf diesem Wege entsteht eine sichere Umgebung für die Röhre, die sie nicht überlasten kann, ihr aber trotzdem Muskeln verleiht – keine schlechte Idee. Das sieht natürlich nur in der Theorie ganz einfach aus, in der Praxis steckt die Tücke wie immer im Detail und es hat über ein Jahr gedauert, bis die Schaltung stabil und zufriedenstellend funktionierte.

Öffnet man den Verstärker von unten, kommt ein Aufbau zutage, der nur durch die vier Röhrenfassungen an ein Gerät mit „Vakuumbeteiligung“ erinnert, der Löwenanteil der Technik ist moderner Natur und auf Platinen untergebracht. Auffällig sind die feinen Eingangsübertrager und die Kathodendrosseln für die Eingangsröhren, sonst ist die Funktionsweise des Gerätes nur schwer zu entschlüsseln.

In der Praxis benimmt sich das Gerät völlig unproblematisch. Wunschröhren stecken, einschalten. Nach spätestens 30 Sekunden ist Signal am Ausgang da, richtig gut klingt’s nach ein paar Minuten. Das Vergleichen der verschiedenen Röhren ist ein großer Spaß und die älteren Herrschaften sind durchaus Charakterköpfe. Mir persönlich gefallen die Telefunken-Bestückung mit RE604 und REN904 sehr gut, Klangfilm KL4103 und KL70504 sind da ziemlich ähnlich. Sehr punchy im Bass, obenherum fein zeichnend und friedlich. Das ist eine Variante, mit der ich ein paar Wochen gelebt habe und mit der man wunderbar und lange Musik hören kann. Die einzige Röhre aus aktueller Fertigung, die in den Collector‘s Chocie passt, ist die PX-4. Sie macht in Verbindung mit der Klangfilm KL70504 eine sehr gute Figur, klingt aber merklich anders als die Telefunken-Endröhren.

Etwas kratziger, eckiger, weniger geschmeidig, im Bass allerdings noch direkter und kerniger. Die PX-4 waren noch ziemlich neu, vielleicht geht da noch was mit mehr Einspielzeit. Eine seht schöne Alternative für die Endröhre ist die dänische M7 von Elektromekano. Schon beim Einschalten benimmt sie sich ganz anders als die bisherigen Typen, das „Pling“ der sich aufheizenden Metallteile im Lautsprecher während der Aufwärmphase ist schon komplett anders. Sie klingt groß, souverän, sonor, mit ungeheuer kräftigem Grundton. Im Hochton zeichnet sie ganz fein und durchaus prägnant, im Präsenzbereich etwas weniger kräftig. Sie hat klar den rabiatesten Bass von allen und legt mitunter schon fast PA-Quailitäten an den Tag. Und dann könnte ich Ihnen noch stundenlang von diversen Valvo- und Mazda-Typen erzählen, aber das würde vielleicht den Rahmen an dieser Stelle sprengen.

Fest steht jedenfalls, dass diese dreizehn Watt etwas ganz Besonderes sind, auf gar keinen Fall zu wenig, wenn Sie nicht gerade eine Canton dranhängen, die Mitte der Achtziger gebaut worden ist. Eine absolut großartige Spielwiese, die jederzeit alles zeigt, was echten Röhrenklang ausmacht und niemals langweilig spielt. Kommt ganz oben auf die Liste mit den schwer erfüllbaren Träumen. 

Fazit

Einer der wohl extremsten Röhrenverstärker am Markt: Transistoren unterwerfen sich dem Diktat von Glaskolben aus der Frühzeit der Elektronik und musizieren zusammen in absolut wunderbarer Manier.

Preis: um 20000 Euro

Endstufen

Silvercore The Collector’s Edition


04/2021 - Holger Barske

Ausstattung & technische Daten 
Paarpreis ca. 20.000 Euro 
Vertrieb Silvercore, Leipzig 
Telefon 0341 86727808 
Internet silvercore.de 
Garantie 2 Jahre 
B x H x T (in mm): 555/250/400 
Gewicht: ca. 30 kg 
Unterm Strich... » Einer der wohl extremsten Röhrenverstärker am Markt: Transistoren unterwerfen sich dem Diktat von Glaskolben aus der Frühzeit der Elektronik und musizieren zusammen in absolut wunderbarer Manier. 
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Holger Barske
Autor Holger Barske
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Datum 27.04.2021, 10:02 Uhr
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