Kategorie: Vollverstärker

Vollverstärker · Heed Elixir


Neue alte Liebe

Vollverstärker Heed Audio Elixir im Test, Bild 1
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Ich liebe englische Verstärker. Aber was hat das mit dem ungarischen Heed Audio Elixir zu tun? Jede Menge, denn seine Gene sind englisch und sein Wesen ist anachronistisch.

Kleine Verstärker im Format eines Schuhkartons kommen aus England, aber seit Jahrzehnten auch aus Ungarn. Der Heed Elixir reiht sich damit nahtlos ein in eine wunderbare Ahnenreihe kompakter Verstärker: von den ersten Naim Nait-Modellen, über Mission Cyrus, Nytech oder Ion Systems. Und da sind wir genau beim Thema. Frühe Transistorverstärker übernahmen häufig Konstruktionsprinzipien von Röhrenverstärkern. Eines davon war die Verwendung eines Ausgangskondensators. Darüber stolperte Heed Firmenchef Zsolt Huszti in den 80er Jahren, als er einen ION Obelisk erwarb. Das Gerät hatte es ihm zwar gleich angetan, bereitete ihm aber auch (technisches) Kopfzerbrechen. Doch der kleine Kerl spielte Musik wie wenige andere Verstärker und das kann ich gut verstehen, denn ich hatte lange den Nytech-Vorgänger des Obelisk.

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Dann lernte Zsolt den Nytech und ION Firmengründer Richard Hay kennen, die beiden arbeiteten zusammen und wurden sogar Freunde. Doch Hay setzte sich 1993 praktisch zur Ruhe. Zsolt hingegen arbeitete mit der Technologie weiter und brachte 2005 mit Hilfe des Ingenieurs László Evellei seinen ersten Heed Obelisk auf den Markt. Aber erst als mit Attila Oláh ein neuer, junger Ingenieur ins Team kam, fand er jemanden, der sich total in die scheinbar obsolete Technologie vertiefte. Oláh erkannte, dass diese alten Verstärker zwar wunderschön aber auch rau klingen können. Ließ sich diese Technologie wirklich so weit verbessern, dass man mit ihr sinnvoll weiterarbeiten konnte? Er scheint es geschafft zu haben und hat dafür die Transcap-Technologie erfunden, die deutlich über das alte Prinzip hinauszugehen scheint. Was sich dahinter genau verbirgt, wollen die Ungarn verständlicherweise nicht so sagen, aber ich versuche, mich dem anzunähern.

Die Transcap Technologie


Heed bezeichnet sich als mutmaßlich letzte Firma, die mit Ausgangskondensatoren arbeitet, und darum geht es. Diese Technologie aus der Röhrenära koppelte den Verstärker mithilfe eines Kondensators an den nachgeschalteten Lautsprecher an. Via Dimensionierung und Qualität beeinflusste der Kondensator den Klang. Die Heed-Verstärker folgen dieser Idee, tun das aber nicht nur mit einem einfachen Ausgangskondensator, sie verstehen Netzteil und Ausgangsstufe als Einheit. Bei den meisten modernen Verstärkern ist der Lautsprecher ja direkt mit der Verstärkerschaltung verbunden („DC-gekoppelt“). Das bringt oft mehr Leistung und bessere Messwerte, kann(!) aber auch dazu führen, dass Störungen oder Spannungsreste direkt bis zum Lautsprecher gelangen.

Vollverstärker Heed Audio Elixir im Test, Bild 5
Vernünftige Relais, gute Kondensatoren und prima Widerstände, wo das Auge hinsieht. Das hört man auch
In den Transcap-Verstärkern werden große Kondensatoren direkt mit den Lautsprecher-Ausgängen verbunden und zwar ohne weitere aktive Elemente. Die Kondensatoren am Ausgang wirken wie eine Art Filter oder Puffer, indem sie unerwünschte Gleichspannung blockieren. Ein Vorteil dieser Technologie ist, dass sich die Verstärkerschaltung einfacher und teilweise auch linearer aufbauen lässt. Außerdem ist die Gegentaktendstufe der Heed Verstärker, anders als in vermeintlich ähnlichen Geräten, nicht einfach nur das Ladesystem für diese Kondensatoren. Diese so einfach wie möglich aufgebaute Sektion wird sehr genau ausbalanciert, die Ungarn achten dabei auf jedes Detail: elektromagnetische Felder, mechanische Resonanzen, Arbeitstemperaturen von Bauteilen und schädliche Interaktionen zwischen ihnen. Die eingesetzten und genau gematchten bipolaren Transistoren können hohe Ströme mit geringer Steuerung handeln, was die Schaltung ebenfalls vereinfacht. Nach der Schaltung des Elixir gefragt, meinte Zsolt Huszti, dass heutige Transistorverstärker die Last im Ausgang nicht länger als einen Lautsprecher handhaben würden, sondern eher als einen Widerstand. Deren Entwickler verstünden ihre Verstärker so, als werkelte eine weitere Verstärkerstufe sowohl im Eingang als auch im Ausgang. Die Heed Transcap-Topologie hingegen behandelte die Last so, wie sie in Wirklichkeit auftrete. Damit meint er, dass sie auf die Wirkweise eines Lautsprechers hin optimiert ist und nicht auf einen passiven Widerstand hin, denn ein Lautsprecher ist nach dem Lenz‘schen Gesetz ein elektromechanischer Wandler. Jede Stufe eines Heed Verstärkers ist diskret aufgebaut, mit Ausnahme der ersten Stufe des Kopfhörerverstärkers, wo ein Op-Amp eingesetzt wird. Die Phono ist recht klassisch zweistufig aktivpassiv angelegt und basiert auf der Schaltung der Heed Questar Phonovorstufe.

Fantasie und Wirklichkeit


Heed formuliert bezüglich ihrer Transcap Technologie einige selbstbewusste Aussagen. So zum Beispiel, dass ihre Verstärker die nach wie vor messbaren Restverzerrungen zu etwas umwandeln würden, was auf natürliche Weise in unserer Umgebung vorkommt – in der Luft zum Beispiel. Dadurch soll unser Gehirn damit leichter umgehen können. Faktisch würde die Struktur der Verzerrungen verändert, wie genau, habe ich nicht herausfinden können. Ist das jetzt Geschwafel, ein Marketinggag oder haben die Ungarn hier wirklich etwas gefunden? Sie können sich sicher vorstellen, wie viele vergleichbare „Innovationen“ mir schon begegnet sind. Und da ich nicht theoretisch verbildet bin, kann ich mir so etwas grundsätzlich vorstellen. Das erinnert mich an das Thema „Memory Distortion“ bei Lavardin, der ja auch fantastisch klingt und nebenbei bemerkt auch Darlington-Transistoren einsetzt. Aber ganz ehrlich: Von mir aus dürften am Ende auch Bananenschalen zur Verstärkung oder Klangverbesserung herhalten, wenn die Sache funktioniert. Doch die Ungarn legen noch einen drauf in der Beschreibung der Effekte ihrer „Technologie“, ohne sie wirklich zu verraten – auch das teilen sie mit Lavardin. Sie sagen – zu Recht – dass die unnatürlichen Störspektren vieler Verstärker sich übers Unterbewusstsein irgendwann als unangenehm bis hin zu nicht mehr hörbar darstellen. Die Heed Verstärker sollen da durch ihre „natürliche“ Art, mit Verzerrungen umzugehen, schlicht anhörbarer werden und bleiben, da ihr Verzerrungsspektrum eben einem natürlichen Spektrum entspräche. Das, liebe Freunde, wäre ja eigentlich eine Sensation, und ich frage mich, warum sie nicht patentiert ist bzw. es jeder Hersteller genau so tut. Ich denke, ich kann beide Fragen beantworten. Um ein Patent erteilt zu bekommen, muss man es offenlegen – Ende der Geschichte, zumal für so eine kleine Firma. Und wenn es Firmengeheimnis bleibt und keiner „Reverse Engineering“ betreibt, dürfen sich einzig Heed-Besitzer daran erfreuen. Abschließend sagt Heed noch: „Vergessen Sie HiFi. Erinnern Sie sich an die Musik.“ Das tun wir gleich.

Der Elixir


Der Elixir verband und verbindet eine analoge Vorstufe, die für ihren Preis so kompromisslos wie möglich sein sollte, und eine einfache, aber gute Transcap-Endstufe. Vor 11 Jahren hat mein Kollege Thomas Schmidt über den ersten Elixir berichtet und war von dem Kleinen sehr angetan. Damals kostete er allerdings noch knapp 1.000 Euro – ein Einführungspreis – und sah gar nicht so viel anders aus. Richtig günstig ist er also nicht mehr, und dazu habe ich Firmenchef Huszti auch befragt. Er meinte, dass ihm selbst der neue Preis Kopfzerbrechen bereite, weil sich die Kosten seit 2015 mehr als verdoppelt hätten und die 990 Euro damals nur ein Einführungspreis waren.

Vollverstärker Heed Audio Elixir im Test, Bild 2
Kontinuität: Die Front wurde nur minimal variiert und steht für die Kontinuität bei Heed. Links vorne der hervorragend klingende Kopfhörereingang
Vollverstärker Heed Audio Elixir im Test, Bild 3
Nicht mehr und nicht weniger braucht man. Wobei ich bei der Kraftentwicklung des Elixir auch auf den Pre-Out verzichten könnte
Man sollte sich nicht von der Kompaktheit des Elixir täuschen lassen, denn der Kollege hat Gewicht, wirkt solide und ist sehr gut verarbeitet. Optisch unterscheidet er sich von seinem Vorgänger nur durch eine andere Frontplatte, die Schaltung wurde verfeinert. Seine Ausstattungsliste ist kurz: vier Hochpegel- und ein Phonoeingang sowie ein Paar Lautsprecherausgänge. Dazu kommt ein dezidierter Class- A-Kopfhörerverstärker, ein Feature, auf das Heed großen Wert legt. Die Tapeschleife ist Geschichte, dafür spendiert Heed einen Pre-Out für den, dem die Leistung des Elixir zu gering ist. Aber das möchte ich erst noch einmal hören, denn mit den durchaus hungrigen Nubert nuVero nova 5 spielte er mit erstaunlichem Druck knapp vor der Kernschmelze. Jedenfalls hat der Elixir mehr als genug Leistung, sicher mehr, als das Datenblatt verrät. Es gibt übrigens noch ein kleineres Modell namens Asterisk, das schwächer und ein reiner Hochpegelverstärker ist. Habe ich schon erwähnt, dass es hier keinen D/A-Wandler gibt? Alles Digitale muss man extern bereitstellen.

Klangvermögen


Sie können mir glauben, dass ich Webseitentexten oder anderen Marketingäußerungen von Herstellern und Vertrieben sehr kritisch gegenüberstehe. Gerade deshalb möchte ich von der Heed Website zitieren: „Transcap-Verstärker geben die Energie der Musik ‚unkomprimiert‘ wieder und lassen Raum für sowohl extrem laute als auch extrem leise Töne ... Die im Katalog angegebene Durchschnittsleistung sagt im Vergleich zu anderen Verstärkern nur wenig darüber aus, wie dynamisch Transcap-Verstärker klingen können. Der Ausdruck ‚größer ist besser‘ trifft hier sicherlich nicht zu.“ Nie war ein Text so richtig wie der hier. Ich habe mit den kleinen Nubert Lautsprechern ein Fest nach dem anderen gefeiert. Einmal, als ich Little Feats „Dixie Chicken“ aufgelegt habe. Das Stück klang so zart, so delikat, so funky und wunderbar, wie ich es eigentlich noch nie gehört habe. Selbst Kollege Barske runzelte anerkennend die Stirn. Dann hab ich mir den Spaß gemacht, nach langer Zeit einmal wieder die Fun Lovin‘ Criminals zu hören – immer noch eine der coolsten Bands aller Zeiten, tausendmal cooler, als es die Red Hot Chilli Peppers je waren. „The King of New York“ klingt mit dem Elixir so brutal cool, so lässig, so authentisch live und das bei 9:30 mit voller Dröhnung, aber eben ohne jedes Dröhnen. Da hat Heed einfach mal nicht gelogen, denn so unkomprimiert und strahlend habe ich die Nummer offen gestanden noch nie gehört. Und man mag bei dem Bass im Freifeld kaum glauben, dass die Nubert ein geschlossener Lautsprecher ist. Quasi zur Erholung höre ich mir dann das wunderbare Beethoven Violin Concerto mit Jascha Heifetz unter dem Dirigat von Charles Munch an. Es tut gut, einmal ausführlich Heifetz‘ lyrische Seite zu hören, denn Geschwindigkeit konnte er sowieso. Wie er sein Instrument zum Klingen bringt, vermittelt der Heed Elixir exemplarisch gut. Während ich diesen unsterblichen Tönen lausche, denke ich, es geht gar nicht besser. Vermisse ich als alter Röhrenhörer irgend etwas? So gar nicht, und auch da darf ich Heed Recht geben. Die feinsten Bogenstriche nehme ich genau so unmittelbar und mühelos wahr wie die satten Orchestertutti. Und genau darum geht es doch.

Vollverstärker Heed Audio Elixir im Test, Bild 8
Frequenzgang: Mit dem Heed reiht sich ein weiterer Verstärker in die Riege derer ein, die keine niederohmigen Lasten mögen. An acht Ohm leistet er mustergültige 50 Watt, an vier Ohm sind’s schon nur noch 35. Kein Beinbruch, aber auffällig. Die Störabstände des kleinen Ungarn sind mustergültig: rund 81 Dezibel(A) bei einem Watt an acht und vier Ohm, die Kanaltrennung beträgt ebenfalls untadelige 78 Dezibel(A). Mit 0,04/0,06 Prozent halten sich auch die Verzerrungen in sehr angenehmen Grenzen. Der Heed ist mit einer oberen Grenzfrequenz von rund 80 Kilohertz schön breitbandig, einzig das Lautstärkepoti liefert eine nicht ganz so schöne Kanalabweichung von einem Dezibel bei moderaten Pegeln. Zu höheren Pegeln hin wird’s besser, aber in diesen Regionen hört kaum jemand. Mit 22 Watt hält sich der Ruheverbrauch des Gerätes zudem in Grenzen.

Fazit

Wie soll ich‘s sagen? Heed hat mit praktisch allem Recht, was sie so behaupten. Der Elixir ist ein ungemein kraftvoller und gleichzeitig natürlich klingender Verstärker mit einer ganz besonderen Aura. Ich liebe ihn.


Den Test finden Sie in der HiFi Test 5/2026. Das Heft ist in unserem Shop als e-paper oder als Print-Ausgabe erhältlich
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Kategorie: Vollverstärker

Produkt: Heed Audio Elixir

Preis: um 1800 Euro

Ganze Bewertung anzeigen


8/2026
4.5 von 5 Sternen

Referenzklasse
Heed Audio Elixir

Bewertung 
Klang 70%

Labor 15%

Praxis 15%

Ausstattung & technische Daten 
Vertrieb M.A.D. Anja Hobbs, Velbert, Markus Pajonk 
Kontakt www.heedaudio.de 
Internet www.heedaudio.de 
Ausstattung
Ausführungen Schwarz 
Abmessungen (B x H x T in mm) 220 x 87 x 345 
Gewicht 6 kg 
Anschlüsse 4 x RCA, 1 x Phono-MM 
Ausgänge 1 x PreOut RCA 
Ausgangsleistung 2 × 50 W an 8 Ohm
2 × 35 W an 0,5 Ohm 
Garantie 2 Jahre 
+ natürlicher, herrlicher Klang 
+ kompakt und schön verarbeitet 
+
- Messwerte eher so mittel 
Klasse: Referenzklasse 
Preis/Leistung: hervorragend 
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