Kategorie: Phono Vorstufen

Einzeltest: RCM Sensor 2 MKII


Alles andere als nüchtern

Phono Vorstufen RCM Sensor 2 MKII im Test, Bild 1
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Gemach, bevor die Fantasie mit Ihnen durchgeht. Der Titel ist alles, bloß keine Anspielung auf das Herkunftsland dieser Phonovorstufe. Sondern eine auf ihren besonderen Klangcharakter

Sie kennen die alten Klischees: Ein Transistor klingt tendenziell kühl und nüchtern, eine Röhre warm, vollmundig und rund. Die RCM Sensor 2 MkII gehört klanglich in keine der beiden Kategorien. Ganz sicher nicht in die Transistorkiste, denn kühl oder nüchtern klingt sie beim besten Willen nicht. Aber auch die Röhrenklischees greifen bei ihr nicht, denn sie spielt alles andere als warm oder lahm. Im Gegenteil, diese transistorisierte Phono scheint das Beste beider Welten zu verbinden. Ihr Hersteller, RCM aus Kattowitz, feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Firmenjubiläum. Zu dritt hatten sie begonnen, Roger, Czesław und Mariusz, und aus den Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen den Firmennamen RCM gebaut.

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Das Trio blieb genau drei Monate zusammen und mit einem Mal stand Roger Adamek Ende 1990 als letzter Mohikaner mit einer Firma da, deren Namen keinen Sinn mehr machte. Doch davon ließ er sich nicht aufhalten, sondern startete richtig durch. In erster Linie ist RCM Händler und Vertrieb für „ernste Produkte“, wie Holger Barske in seiner unvergleichlichen Art meinte. Wenn ich mir die Angebotsliste so durchsehe, fehlt da wenig bis nichts. Vom Fink Team über Kronos Audio hin zu Frank Schröder oder Thrax findet sich dort die Hautevolee seriösen HiFis. Seit gut 15 Jahren stellt Adamek auch Elektronik her. Zu Beginn gab es einmal einen Röhrenvollverstärker, aktuell sind es es drei Phonostufen, von denen die Sensor 2 MkII das Einstiegsgerät ist – das Topmodell kostet dann ganz trocken das Zehnfache.

„True and honest sound“ will Roger Adamek mit dieser Phono abliefern und stellt sich am liebsten einem Hörtest, bevor er die Kunden mit endlosem Marketingsprech einlullt. Dass er damit den Nagel auf den Kopf trifft, nehme ich gerne vorweg. Entwickelt wurde sie ursprünglich als Werkzeug für seine analogen Verkaufsprodukte und weil er mit vielen Markengeräten nie so ganz zufrieden war. Die Sensor 2 MkII ist das älteste RCM-Produkt, sprich: Sie ist total ausgereift, ausgefuchst und „feingetunt“. Ihr Urvater namens Sensor Prelude IC wurde von Robert Rolof entwickelt, der damals für Adamek arbeitete. Freunde der polnischen und auch der europäischen Szene werden den Mann kennen, denn er ist so etwas wie ein Elektronikguru unseres Nachbarlandes. Ich kenne noch eine weitere Phonovorstufe und einen Röhrenvollverstärker aus seiner Hand und alle klingen ausgezeichnet. Adamek selbst ist zwar kein Elektroniker, hat aber offensichtlich gute Ohren. Er übernahm bei der Abstimmung den Part, den ich mir auch zutrauen würde: die Auswahl klangrelevanter Bauteile. Nach etwa zehn Jahren wurde es Zeit für eine sanfte Überarbeitung, denn am Basisdesign brauchte nichts geändert zu werden. Zuerst wurden das Platinenlayout sowie die gesamte Anordnung der Komponenten optimiert. Die größte Veränderung erfuhr das Netzteil: Umstellung von AC auf DC, eine andere Dimensionierung plus Stabilisierung und Teilsymmetrierung. Für die MkII-Version baute man schließlich bessere Buchsen und Kondensatoren ein und verwendete ein optimiertes Platinenmaterial. Nichts Weltbewegendes könnte man meinen, doch die ganz eindeutige klangliche Verbesserung zur MKI-Version hat selbst Adamek überrascht.

Die Schaltung arbeitet mit OpAmps und einer zweistufigen, passiven RIAA mit einer maximalen Abweichung von 0.3 db zwischen 20 Hz und 20 kHz. Varianten mit vergleichbaren Schaltungen gibt es wie Sand am Meer, das Thema habe ich im Bericht über die Suesskind Audio Rauschfrei angerissen, es kommt wie immer auf die Gesamtkomposition an. Op-Amps waren erste Wahl, weil man auf verlässliche, robuste, erprobte Typen zurückgreifen wollte. Im Eingang werkelt der INA217, ein bekannt verzerrungsarmer Typ und danach der OPA2134 von Texas Instruments. Die Bauteilequalität ist gut, aber weit weg von extravagant. Lobenswert finde ich die Verwendung ausschließlich nichtmagnetischer Bauteile, denn obwohl das sinnvoll ist, ist es keineswegs Standard. MM- oder MC-Tonabnehmer können betrieben und mit DIP-Schaltern auf der Rückseite angepasst werden. Für MCs kann man sieben Impedanzen zwischen 20 Ohm und 47 kOhm wählen und die Verstärkung (Gain) lässt sich ebenfalls in sieben Stufen zwischen 0,3 mv und 5,0 mV vorwählen. Die Werte sind praxisgerecht, vor allem die Gain-Abstufung macht auch leisen Systemen Beine, hier kann man aber durchaus die jeweils leisere Variante wählen. Zudem kann man zwischen XLR- und Cincheingang umschalten. Im symmetrischen Betrieb soll die RCM klanglich noch eine Schippe drauflegen, nur wer hat denn schon XLR-Phonostrippen, auch wenn es sinnvoll wäre? Also muss ich mich mit den schnöden Cinchbuchsen, sprich dem asymmetrischem Betrieb begnügen und mir fehlt offen gestanden nichts. Die RCM ist in sich total stimmig und darauf kommt’s doch wohl an. Die Neutralität, die Adamek unter anderem anzustreben scheint, ist sicher vorhanden, aber offen gestanden nicht die erste Tugend der Sensor 2 MkII. Stattdessen strotzt sie ohrenfällig vor Vitalität, und das ist ja beileibe kein Fehler.

Ich hatte eine Zeitlang einen schicken, erstaunlich guten Micro Seiko MR-411 zu Gast. In den MA-77-MKII-Tonarm habe ich mein Denon DL-103 LCII montiert, was mir jede Menge Hörspaß bereitet hat. So begeisterte mich Humble Pies „Did You Get the Message?“ mit sattem Bass und mitreißendem Groove. Doch als mein von Martina Schöner gewarteter Garrard 401 TR samt Schick-Tonarm und Jan-Allaerts-MC1-Eco-MkII-System wieder an seinem Stammplatz zurück war, rückten sich die Verhältnisse zurecht. Natürlich klang es mit diesem Setup deutlich besser, größer in der Abbildung, dynamischer, einfach sexyer, was die RCM 1:1 abgebildet hat. Sie klang dabei null analytisch oder sezierend, sondern mitreißend und saftig. Don Wilkersons Tenorsaxofon auf „Easy Living“ kam sahnig, rund, geschmeidig, während Big John Pattons Orgel im Hintergrund lässig lauernd dahin blubberte. Ich wollte praktisch sofort mit meiner Liebsten einen amtlichen Stehblues hinlegen, was ich in Wirklichkeit sehr, sehr selten mache. „Les Stances a Sophie“, das vielleicht beste Album des Art Ensemble of Chicago, feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag und ist meine persönliche Vinyl-Wiederentdeckung des vergangenen Jahres. „Theme de Yoyo“ macht mich regelrecht an, so knackig, straff und sehnig klingt das. Hier verbinden sich Bop, Free Jazz, African und pulsierender R&B und gehen eine nie wieder erreichte, unvergleichliche Mischung ein. Wieder juckt mein olles Tanzbein, was ist denn da los? Die Nummer kitzelt außerdem den DJ in mir und ich lege Jackie Mittoos Version der James-Bond-Erkennungsmelodie auf. Das ist schepprig-jazziger Ska, der mir noch mehr Spaß als sonst macht.

Oh ja, die RCM ist eine Spaßmaschine, die mich zu Spaßplatten drängt und mir den Spaß an anderen (wieder)bringt. Wobei – hatte ich je keinen Spaß an Elvis Costellos „Watching the detectives“? Das erwähnte schepprige Jamaica-Feeling wurde hier nach England gebeamt, mit Mod- und softer Punkattitüde vereint und füllt den virtuellen Tanzboden erneut. So bleibe ich noch viele Stunden im DJ-Modus. Auch im Vergleich mit mehr als doppelt so teuren Kollegen macht die Sensor 2 MkII eine verdammt gute Figur. Wie Roger Adamek mir schrieb: „Über Auflösung, Dynamik oder Frequenzbänder zu sprechen, ist fad. Es ist viel besser, sich Musik anzuhören.“

Fazit

Die RCM Sensor 2 MkII ist eine Phonovorstufe ganz nach meinem Geschmack: unkompliziert und klanglich hervorragend. Wer in diesem Preissegment auf der Suche ist, kann einen ganz heißen Kandidaten in seine Liste aufnehmen.

Preis: um 3450 Euro

Phono Vorstufen

RCM Sensor 2 MKII


03/2020 - Christian Bayer

Ausstattung & technische Daten 
Vertrieb Audio Offensive, Falkensee 
Telefon 03322 2131655 
Internet www.audio-offensive.de 
Garantie (in Jahren) 2 Jahre 
B x H x T (in mm) 245 x 110 x 227 mm 
Gewicht 3,5 kg / 1,7 kg (Netzteil) 
Unterm Strich... Die RCM Sensor 2 MkII ist eine Phonovorstufe ganz nach meinem Geschmack: unkompliziert und klanglich hervorragend. Wer in diesem Preissegment auf der Suche ist, kann einen ganz heißen Kandidaten in seine Liste aufnehmen. 
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Autor Christian Bayer
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Datum 19.03.2020, 14:59 Uhr
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